Judaica
- Journal
- Judaica
- Volume
- 2 (1935)
- Issue
- 5-6 (Januar 1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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rin losbrach. Hatte die biedere Waldecfcrin eine Ahnung, daß ihr unschuldiger Wunsch, daß das ausgewählte Kopftuch mehr „Bliemerl“ haben solle, vom Griffel Klios verewigt werden würde? Der Ex-Staatsmiann hinter de;m Liadenpult hat mit Verzweiflung im Herzjen de,r Bäuerin ein Kopftuch um das andere vorgelegt; als endlich die; gewünschte Größe und Farbe vereinbart war, sagte die Bäuerin: ,,Ahe;r Bliemerl sollten drauf sein!“ und als Wittgenstein mit dein ganzen Aufgebote seiner Selbstbeherrschung ein Tuch mit Bliemerl herunterholte, sagte die Käuferin: „Mehr Bliemerl sollten drauf sein!“ Da geschah die Explosion! Wittgenstein warf die- Waare, zur Erde, jagte die unschuldige Bäuerin zur Türe hinaus und verließ Corbach, um fes gegen das mächtig aufkommende Berlin zu vertauschen. Er hing aber mit ganzem Hjerzfen an seiner Vaterstadt, die er bei jeder Gelegenheit bedacht hat. Er scheint im Realitäten* geschäft .ein großes Vermögen gemacht zu haben, widmete sich aber auch dem Antiquitätenhandel. Es hat den Bau der Synagoge in Corbach mit einer Spende von 8000 Mark mög»- lich gemacht, obwohl er gar nicht religiös war. Sein Jugend* freund erzählt, daß er ihn als Knabe; am heiligsten Fasttage (Jomkippur) verleiten wrollte;, in die Konditorei zu schleichen. Hingegen hat er es abgefeimt, seinen Glauben zu wechseln,, als er um die Hand des Mädchens eines angesehenen christlichen Bürgers (anhielt und dieser die Taufe zur Bedingung seiner Einwilligung gemacht hat. Mit neidloser Freude vernahm die gute Stadt Corbach, daß Jakob ein wahrer Millionär geworden war. Ein Weib, da,s er aus vollem Herzen liebte, wird ihm zum Unheil. Es soll eine schöne russische oder polnische Tänz'erin gewesen sein. Er sah sich betrogen und jagte sie davon, d’er Stachel saß ihm aber im Herzen. Er fühlte sich trotz Seines Vermögens allein und verlassen in der zur Weltstadt gewordenen deutschen Metropole. Da. traf ihn noch ein böseres Mißgeschick. Sein Sehvermögen, die edle Himmelsgabe, das Licht des Auges, nahm stetig und rettungslos ab. Der Siebzigjährige, außer Stande sein großes Vermögen selbst behüten zu können, empfand das Leben als eine unerträgliche Last. Damals empfing sein Corbacher Freund ein Schreiben Jakob Wittgensteins, worin er angeordnet hat, daß seinen Eltern und Großeltern neben ihren kleinen hebräischen Grabsteinen schönere Grabmonumente mit deutscher Inschrift errichtet werden sollten. Zum Schlüsse stand der befremdliche Satz: ,.Ich komm bald nach.“ Diese rätselhaften Worte fanden bald ihre schreckliche Lösung, Wittgenstein hatte seinem so erfolgreichen Lfeben durch einen Gifttrank ein Ende bereitet, am 1. Juni 1890. Mit tiefer Erschütterung vernahm seine Heimatsstadt die Kunde von dem tragischen Ende ihres treuen, verehrten Sohnes. Zur allgemeinen Trauer gesellte sich die Bewunderung, als es ruchbar wurde, daß Jakob Wittgenstein sein Baarvermögen, 600.000 Mark der Stadt Corbach behufs Errichtung eines Altersheimes testiert habe, mit der Bitte, ihn in der heimatlichen 6