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Judaica · 1934-10-01 · 3-4 (Oktober 1934) · p. Seite 28

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Judaica
Volume
1 (1934)
Issue
3-4 (Oktober 1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 28 (sequence 30)
Language
German
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Die Gegenwart Dr. Viktor Stein Präsident des „Jesurun“-Gemeinde Verbandes Der 60. Geburtstag ist bei Männern, deren Lebensweg in die Höhe führt ein schöner Moment des Rückblickes auf das weite Panorama der Vergangenheit. Dr. Viktor Stern ist nun auch zum 6o-er Regiment eingerückt. Wir Altersgenossen wissen, was es bedeutet anno 1934 beim Kilometerstein LX ungelangc zu sein, wo die Schneeregion beginnt. Uns allen war es beschieden, nach 20 sonnigen Jugendjahren, nach weiteren 20 Jahren männlichen, ernsten Schaffens. 20 andere Jahre, ungeahnter Prüfungen zu erleben, dreifach furchtbarer für den Führer, der die scheu gewordenen Rosse am Wagen des Schicksals zügeln musste. Die erste und oberste Prüfungsfrage an den rührer ist: Hat er das Judentum nach aussen hin ehrenvoll und mit Würde vertreten? Das muss selbst ein Gegner (wie ich) rückhaltslos bejahen. Es liegt sogar etwas Künstlerisch- Aesthetisches in allen Ausdrucksformen seines Strebens. Le style c’est Phomme: Man muss Dr Stein reden hören, um ihn zu verstehen, seine ausgesuchte, aber nicht gesuchte Art, dem Gedanken, der immer von Gefühl beseelt ist, die edelste und dabei einfachste Form zu verleihen. Der wahre Führer ist eigentlich Bildner, der die Masse des Volkes zu einer Idealfigur formt, wenn die Masse nicht brüchig ist, wie Golusmenschen. Er sah das gelobte Land der Mustergemeinde von der Ferne. Mit einem subtilen Schönheitsgefühle begnadet (oder belastet?) und mit der künstlerischen Fähigkeit es gestalten zu können, wirft jedoch ein grausames Geschick den fürchterlichen Medea- Stein in seine Gemeinde und reisst ihn hinab in den unseligsten, rohesten Kampf, der jemals in einer Gemeinde getobt hat. Ein packender Vorwurf zu einer Tragödie jüdischen Führertums! Dr. Viktor Stein ist in Namesto geboren, als der Sohn des angesehenen Arztes Dr. Felix Stein, und erzogen im Geiste des trefflichen frommen gelehrten Rabbi Dow Ber Duschinskvs. Der Grund war gut, wie der einfache jüdische Mann prägnant zu rühmen pflegt. Sein Werdegang war glatt wie eine gute Autostrasse. Er wird Advokat, erwählt sich eine Gefährtin aus dem guten Hause S. B. Kohn, Györ, als Grundbesitzer und Advokat hat er ein reiches Register von Lebenserfahrung. Das Vertrauen seiner Gemeinde erhebt ihn zum Führer. Selbst Kritiker wollen ihn ändern, aber nicht seine Position. Das Ausland ehrt ihn mit der Würde des Mitgliedes der Jewish Agency, in der spärlichen Zeit, wo ihm der unselige Kampf Ellbogenfreiheit gewährt, schafft er philantropische und kulturelle (pardon kulturelle und philantropische) Institutionen. Von der Flöhe des 6c-jährigen Geburtstages sehen wir auf den Weg (auf diesen Schlangenweg!) hinab,, den wir gezogen sind. Die ansteigende Strasse ist besäet mit den Trümmern unserer Ideale und Hoffnungen, die wir unten lassen mussten. Aber jetzt erst begreifen wir die melancholische Weisheit des fron’men Dankesspruches beim Eingang der Feiertage: „Der es uns erleben Hess und aufrecht erhalten hat!” Möge die zweite Hälfte seines Lebens besser als die erste Hälfte werden für ihn, für Israel und die ganze Menschheit. 28

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