Mannheim
Compact Memory

Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · 11 (1930) · p. Seite 28

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
Volume
11 (1930)
Date
1930-01-01
Page
Seite 28 (sequence 30)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2707513-2707530--487-2708060
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

28 Selma Stern Die freie Wahl der Ältesten und Rabbiner blieb noch unangetastet. Aber ähnlich wie man die städtische Freiheit untergrub, indem man einen königlichen Steuerkommissar zur Kontrolle der Verwaltung an die Spitze der Städte setzte, zwang man der jüdischen Gemeinde einen kgl. Assessor auf, der als ewiges Symbol staatlicher Autorität jede selbständige Betätigung der Gemeinde unterband. Damit verschwand die freie Korporation im Staat. Der privatrechtliche Verband wurde Organ staatlicher Politik. Aber dieser Staat war nicht nur der alles verschlingende, grausame Leviathan; er war auch — und dies liegt im Begriff des Polizei- und Wohlfahrtsstaats beschlossen — der gute Vormund und Fürsorger seines hilflosen unbeschützten, unmündigen und darum zu beaufsichtigenden und zu leitenden Volkes. Deshalb griff er nicht nur unerbittlich in das private Leben seiner Untertanen ein, sondern er strebte auch die Sicherung, das Wohlbefinden, das Glück und die Wohlfahrt eines jeden von ihnen an. So entsprachen den vielen allgemeinen Edikten über Armenwesen und Armenkassen, über Ärzte und Hebammen, Dienstboten und Zigeuner, ebenso viele Erlasse über die jüdischen Bankerotteurs und Verarmten, über Witwen und Waisen, über Gesundheitswesen und Seuchenabwehr, über Bettler und Hausierer und nicht zuletzt über die Erziehung des jüdischen Kindes. Wie aber — und diese Fragen scheinen am wesentlichsten zu sein, am tiefsten und eigentlichsten uns selbst zu berühren — hat dieses Vorgehen des Staates und haben die Ideen der Zeit auf den jüdischen Menschen gewirkt? Wie wurde aus dem primitiven Händler der weitausschauende Unternehmer, aus dem armen Hausierer der vornehme Lieferant, wie erwuchsen aus den weitabgewandten, bescheidenen, stillen Talmudgelehrten jene selbstbewußten, herrischen Männer, deren Sinn für verfeinerten Lebensgenuß, für höfische Aktionen und diplomatische Sendungen wir kennen? Was machte aus dem beengten, religiös und geistig abgeschlossenen Typus des Ghetto jenen problematischen Typus der Aufklärung in seinen Schwankungen und seinen Spannungen, seiner Gelöstheit und seiner Weite? Wie wurde aus dem an Tradition und Sippe gebundenen, in Beruf, Sitte und Anschauung hineingeborenen Gattungsmenschen des Mittelalters die autonome, nach eingeborenen Gesetzen frei sich entfaltende Individualität der Moderne? Es ist auch noch nicht untersucht, wie sich der Jude allmählich gesellschaftlich der Umwelt assimilierte, dem Hof durch seine Lieferung, durch seine Stellung als Agent und als Resident, dem Adel und dem Bürger durch seinen Handel, dem Handwerker und dem Arbeiter durch die Fabrik, der Regierung und dem Beamten durch seine Tätigkeit in der Gemeinde. Es ist nicht bekannt, wie die veränderte Struktur der christlichen Gesellschaft die Struktur der jüdischen Gesellschaft änderte, oder wie die landschaftlichen, die provinzialen, die geographischen Sondereinflüsse und Bedingungen den jüdischen Menschen umbildeten und formten. Wir wissen von allen Wandlungen, aber das Gesetz dieser Wandlung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.