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Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · 11 (1930) · p. Seite 16

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Journal
Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
Volume
11 (1930)
Date
1930-01-01
Page
Seite 16 (sequence 18)
Language
German
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IRI
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16 Selma Stern Solche Vorstellungen mußten auch die Vorstellung vom Juden wandeln. Verdrängte die freie Vernunft den Aberglauben, so fiel die Ueberzeugung, daß diese heillose, ungläubige Sekte jedes Unglück der Fürsten und der Völker verschuldete, daß sie die Brunnen vergiftete, Hostien schändete und die Pest einschleppte. Der auf dem Schweine Teitende Jude in der Karikatur, der habgierige Schacherjude, der verschlagene Kriegslieferant auf der Bühne mußten allmählich ein Publikum beleidigen, das vom Recht jedes Menschen auf Glückseligkeit und Leben, auf Freiheit und Menschenwürde vernahm. Daß der Staat Friedrich Wilhelms I. von den Strömungen der Zeit erfaßt worden war, ist von der Forschung schon öfter bewiesen worden. Im Jahre 1694 war von Friedrich I. die Universität Halle gegründet worden, die „auf die Nation einen Einfluß ausübte, wie man ihn seit der Blütezeit Wittenbergs keiner anderen deutschen Universität nachrühmen konnte". Halle wurde der Mittelpunkt der freien Forschung und der Toleranz. Von hier begann der mutige Kampf gegen Hexenwahn und Aberglauben, gegen Kleinlichkeit und zopfige Enge, gegen Gebundenheit und Tradition. Von hier aus führte Christian Thomasius, der große Reformator und Theoretiker des Naturrechts, seinen Feldzug gegen Kirche und Tyrannei, gegen Vorurteil und Folter, gegen Malefizgerichte und Autorität und predigte das schöne Wort, daß man einen Jeglichen glauben lassen soll, was er will und sieb des Glaubens halber nicht zwein. Hier lehrte Christian Wolff, „die andere Großmacht der Zeit", daß dem Staat die Aufgabe zufalle, die Vervollkommnung des Menschen und seine Glückseligkeit zu befördern, auf Grund der den Menschen eingeborenen Rechte jedem „das Recht auf Speise und Trank, auf Heilmittel, Kleidung, Wohnung und Bequemlichkeit des Lebens zu erkennen". Sicherlich haben die humanen Tendenzen der Zeit, die damals langsam die preußische Verwaltung, Verfassung und Rechtsprechung durchdrangen, auch gewisse Judenedikte und Gesetze beeinflußt. Wenn es trotzdem in der preußischen Judenpolitik zu den vielen Schwankungen kam, wenn eben verkündete tolerante Privilegien aufgehoben oder in ungünstige verwandelt wurden, so liegt der eine Grund dieser Spannungen in der Persönlichkeit Friedrich Wilhelms I. selbst. Denn dieser größte Verwalter unter den preußischen Königen, dieser große Organisator und Reformer, der einen durch Schulden zerrütteten Staat in wenigen Jahren zu dem bestverwalteten Europas machte, dieser einzigartige Finanzmann, der in einem dünn bevölkerten, von der Natur wenig begünstigten Lande einen riesigen Staatsschatz sammelte, ohne seine Untertanen schwer zu belasten, dieser aufgeklärte Staatsmann und ganz moderne Kameralist lebte weltanschaulich in einem andern Jahrhundert. Wie er die höfische Etikette und barocke Form seines Zeitalters verachtete, wie er die Grazien und Musen vom galanten Hof seines Vaters verstieß, die Künstler, die Gelehrten, die Schauspieler, die Schützlinge seiner philosophischen Mutter entließ und sieh selbst

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