Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Franz Rosenzweig und das jüdische Bildungsproblem 11 heute bei den vielen, die, in Frankfurt und in anderen Städten, auf Rosenzweigs Wegen weitergegangen sind, die neue Begegnung mit dem alten Judentum. Es ist jeweils spürbar, daß es sich nicht um die erste Naivität des Kindes oder des Orthodoxen handelt, die vor dem wissenschaftlichen Sündenfall steht. Diese neue Unmittelbarkeit ist durch das Mittelbare und zu Vermittelnde hindurchgegangen: sie hat von der kritischen Wissenschaft gelernt, was nur von ihr zu lernen ist, und will keines ihrer (wirklich:) „sicheren Ergebnisse" romantisch oder homiletisch preisgeben. Sie ist frei, und ist auch befreit; nie wieder wird ein kirchlicher Bann ihre Gedanken in Haft nehmen können, aber sie ist auch — um ein Wort zu verwenden, das Bialik, nicht ganz zu Recht, einmal zum Lob der jüngsten hebräischen Dichtergeneration fand — sie ist auch „frei vom Rausche der Freiheit". Diese neue Freiheit und Bindung, diese neue innere Einheit des jüdischen Menschen zwischen Bildungsumwelt und eigenstem Erbgut, erweist sich nun, zweitens, am stärksten im Werke der neuen deutschen Bibel, „unternommen44 von Martin B u b e r mit Unterstützung Franz Rosenzweigs. Schon das Bündnis zwischen den beiden Übersetzern ist bezeichnend: war mit Nobel ein letzter großer Vertreter rabbinischen Judentums als Bundesgenosse in Rosenzweigs Sphäre getreten, so nun mit Buber der führende Repräsentant des geistigen Zionismus und damit auch die Sphären des Ostjudentums, des proletarischen Sozialismus, kompakter jüdischer Volksmassen, die Rosenzweig schon im Felde tief erlebt hatte, die doch aber erst jetzt, europäisch geformt in der Gestalt des Freundes, sich seinem Werke und seiner Person wahrhaft gesellten — seiner Person, deren Ursprung nicht ohne weiteres auch noch für dieses, freilich werknotwendige Bündnis prädestiniert schien. Über die bisherigen Parteien hinweg stehen nun die drei Männer Nobel—Rosenzweig—Buber geistig nebeneinander und zusammen. Das Werk der beiden letzten, die deutsche Bibel, sucht durch den abgelauschten Atemrhythmus des Originals dessen echte alte Mündlichkeit wiederherzustellen und damit dessen Uroffenbarungsschicht freizulegen. Die mündliche Lehre ist älter als die schriftliche; und auch „die Schrift" muß wieder mündlich werden, wenn sie wieder ganz heilig, ganz lebendig werden soll. Sie ist es im synagogalen Vortrag; das Buch aber, und gar das in fremder Sprache, ist stumm, wenn ihm nicht mit unendlicher Treue und Kunst eine neue, seine alte, ob auch manchmal befremdliche Mündlichkeit entlockt wird. Auch in dieser, nur scheinbar „ästhetischen" Eigenart der Buber—Rosenzweigschen Bibel zeigt sich also die gleiche Grundauffassung, die den jüdischen Historismus überwand, das Talmudlernen neu belebte, aus dem „Stern der Erlösung" spricht. Aber noch ein anderes ist zu sagen. Diese deutsche Bibel ist seit der Septuaginta die erste, die von Juden der Welt dargereicht wird. Mendelssohn übersetzte, um seinen Kindern ein deutsches Lesebuch zu schaffen, das er deshalb folgerichtigerweise in hebräischen Buchstaben schrieb und später druckte; Luther, andererseits, übersetzte, wie Rosenzweigs Abhandlung „Luther und die Schrift" gezeigt hat, nur dann wirklich getreu, wenn und soweit die jüdische