Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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10 Ernst Simon den zum Christentum, das zwar sehr ähnliche Mängel hat, sich aber dem aus der Ferne Sehnsüchtigen geschlossener darzustellen weiß, als es ist. Und natürlich können auch diese verlorenen Söhne nichts mehr zur Auseinandersetzung zwischen Judentum und Christentum beitragen. Aber sie reift unterirdisch und treibt die sonderbarsten Formen. Es ist tief bezeichnend für die innere Geschichte des emanzipierten Judentums, daß ihm das Christentum dreimal in verschiedenen Gestalten entgegengetreten ist: dem Dichter Heinrich Heine als die europäische Kultureinheit, die er im Judentum der Reform und des „Kulturvereins" vergeblich gesucht hatte, dem Politiker Theodor Herzl, der lange vor seinem Zionismus einmal den Plan aussprach, die österreichische Judenfrage durch Massentaufe der jungen Generation zu lösen, als Symbol des nationalen Einheitsstaates — hier wird der nächste Schritt historischer Dialektik der zum „Judenstaat" sein — und erst dem Denker Franz Rosenzweig als das, was es im Kerne ist, als — Glauben. Erst diese letzte Begegnung führt aus der kulturellen Individual- Assimilation des Zeitalters Heines und aus der nationalen Kollektiv-Assimilation des Zeitalters Herzls in die weltgeschichtliche Luft eines echten Gespräches zwischen den ewigen und doch jeweils zeitbedingten Offenbarungen Gottes in der Welt, zwischen Judentum und Christentum. Insofern hatte also auch diese individuelle Wendung Rosenzweigs, wie eben im Grunde alles bei ihm, einen überpersönlich-geschichtlichen Sinn. Um aber aus dieser Wendung das „neue Denken" hervorzuholen, mußte wohl noch der Hammer der Weltgeschichte selbst auf dieses glühende Herz fallen. Das geschah im großen Kriege. Hier zerbrach der von den Joniern bis Jena aufrecherhaltene Anspruch der Philosophie, „das All zu erkennen" und in seine Voraussetzungslosigkeit auch die große, dunkle Voraussetzung allen Lebens: den Tod tröstend einzuschlingen, zerbrach vor der Wirklichkeit der tausend Einzeltode, gegen deren Stachel die Medizin des einen allgemeinen Todes versagte. So wurde in der Angst der Kreatur — der Kreatur, in der Vernichtung des persönlichen einzelnen Ichs — der Einzelmensch wiedergeboren und von ihm aus zu philosophieren begonnen. Das einmal zerschlagene All zerlegt sich nun in seine drei selbständigen, zwar in gegenseitigen Beziehungen stehenden, doch nicht psychologisch, mystisch oder pantheistisch aufeinander zurückführbaren Elemente: Gott, Welt, Mensch, denen Schöpfung, Offenbarung und Erlösung als die drei Grundkategorien entsprechen. Damit war die Antwort der Philosophie auf die Geschichtstatsache des Weltkrieges gegeben, war das Kriegsbuch geschrieben, das von allen vielleicht als einziges wahrhaft dauern wird. Für das jüdische Bildungsproblem bedeuten diese Überzeugungen, deren systematische Darlegung nicht in unser heutiges begrenztes Thema gehört, die Möglichkeit jenes neuen Zuganges zur Welt der Tradition, von dessen stofflichmethodischen und praktischen Auswirkungen schon die Rede war. In der Haltung einer „zweiten Naivität" gleichsam vollzog sich und vollzieht sich noch