Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 11)
- Language
- German
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Franz Rosenzweig und das jüdische Bildungsproblem 9 So verhältnismäßig wenig der „Stern der Erlösung" auch gelesen worden ist — erst jetzt kann, nach beinahe zehn Jahren, das zweite Tausend erscheinen — so war doch seine Wirkung, die durch allerlei Kanäle ging, erstaunlich tief und breit. Das Buch ist mitten im Weltkrieg in Notizbücher, auf lose Blätter, auf die Rückseite von Briefen geschrieben worden und das Resultat eines doppelten Durchbruchs: des, schon 1913 erfolgten, zum Judentum und des Durchbruches zum „neuen Denken", den wir in das Jahr 1917 zu setzen haben. Die erste Entscheidung erfolgte nach einer ganz intensiven Gefährdung durch das Christentum, dessen religiöser Anziehungskraft einige seiner für ihn wichtigsten Freunde in den Vorkriegsjahren erlegen waren. In dem inneren Kampfe Rosenzweigs mit dem Christentum als Glauben, von dem die entsprechenden Kapitel des „Sterns der Erlösung" noch soviel abspiegeln, hat sich eine überbiographische, eine für das geistige Judentum epochale Wendung vollzogen. Die ernste und echte Begegnung zwischen Judentum und Christentum ist unserer Zeit aufgespart worden. Im Mittelalter, zu dem wir schon und noch alles talmudische Judentum, auch in seinen heutigen Ausläufern, und die katholische Orthodoxie rechnen, wichen beide der Begegnung aus: das Judentum durch die großartige Schutzhaltung des Verschweigens: wenn der Talmud statt Jesus „jener Mensch" und statt Paulus „jener Schüler" sagt, so ist jenen die gleichsam magische Erlösung durch die hebräische Namensnennung nicht zuteil geworden; sie können nicht in den heiligen Kreis des Judentums eindringen. Dieser Haltung entsprach in genauer Umkehrung die christliche, die sich politisch in Ausnahmegesetzen, kirchlich in der missionierenden Überzeugung, der wahre Nachkomme Israels zu sein, und, am deutlichsten vielleicht, künstlerisch in jenen gotischen Domplastiken „Kirche und Synagoge" ausdrückte, von denen erst Ernst Stadler herausgefunden hat, daß die schlanke, abgehärmte und demütige Synagoge eigentlich schöner als die stolze Siegerschwester ist. Aber eben diese Deutung Stadlers war erst in unseren Tagen möglich: sie entspricht nun auch wiederum einer neuen Haltung auf jüdischer Seite. Das XIX. Jahrhundert hat diese Haltung mannigfach und paradox vorbereitet: es hat zunächst die Reihen der Renegaten vermehrt, auch der echten, die wie N e a n d e r oder Stahl offenbar wirklich in den fremden Glauben hereingewachsen sind. Der Schuldanteil des Judentums an diesen Verlusten seiner „Besten", wie Rosenzweig sagt (Zweistromland, S. 37), wird nun größer; die Tatsache, daß seine drei großen Parteien: Liberalismus, Neuorthodoxie und Zionismus allerletzten Endes nicht auf die innerste Frage des Judentums selbst antworten, sondern, in sich verschiedene, Auskünfte auf die Frage der Emanzipation geben, entleert es von den Elementen lebendigen Glaubens oder der „Lehre", die es zwar keineswegs allein ausmachen, aber doch sein ganzes historisches Lebenssystem einst bis in die letzten Fasern durchblutet haben. Es gibt heute entweder ein juristisches Gesetzesjudentum oder ein formelhaftes Glaubensjudentum oder ein naturalistisches Volksjudentum: an allen drei Erscheinungsformen aber ist der eigentliche Glaubenskern nur paTtiell zu verwirklichen. Diese Not treibt manchen Suchen-