Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
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Franz Rosenzweig und das jüdische Bildungsproblem D es nämlich, seinen Wissenschartsbegriff gegen den bisherigen durch die Behauptung abzugrenzen, der Gelehrte alten Typs beantworte lauter Fragen, die niemand gefragt habe; der neue Wissenschaftler ist in der Antwort ebenso objektiv wie sein Vorgänger, dient aber mit seinen Fragestellungen den echten Bedürfnissen der Zeit, die sich freilieh von den nur aktuellen und schlechthin modernen sehr wohl unterscheiden können und werden. Dieser Fühlung zwischen Wissenschaft und Leben sollte die Personalunion Forscher — Lehrer dienen, die im Kern seines Akademieplanes stand. Hermann Cohen nahm die Anregung in ihren beiden Teilen, dem theoretischen und dem praktischen, auf und widmete ihr die Arbeit seiner letzten Lebenswochen. Er veröffentlichte in seinen „Neuen Jüdischen Monats« heften" einen Aufruf zur Begründung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums. Diese sollte nicht nur Editionsanstalt sein, sondern bezahlte wissenschaftliche Arbeitsstellen schaffen und deren Inhaber für das höhere Unterrichts- und Fortbildungswesen der Gemeinden zur Verfügung halten, die dadurch unmittelbar an der Akademie interessiert sein würden. Freilich ist, um Rosenzweig nun wörtlich anzuführen, „auch diesem letzten Plan Cohens nur ein halber Erfolg beschieden" gewesen. „Bei seiner Ausführung ist nur seine wissenschaftliche Seite berücksichtigt worden, von der für Cohen so bezeichnenden Verbindung des theoretischen mit dem praktischen Element ist nichts geblieben." (Zweistromland, S. 237.) Wenn auch zweifellos nicht so sehr prinzipielle Gegnerschaft gegen Rosenzweig-Cohens Plan, wie vielmehr praktische Schwierigkeiten seine volle Durchführung bisher verhindert haben, so sah sich Rosenzweig jedenfalls veranlaßt, in seiner offenen und rückhaltlosen Art die damalige — und im wesentlichen auch heutige — Struktur der „Akademie" in einer zweiten Schrift „Bildung — und kein Ende, Wünsche zum jüdischen Bildungsproblem des Augenblicks, insbesondere zur Volkshochschulfrage" zu kritisieren (1920). Nicht neue Bücher tun not, sondern der jüdische Mensch. „Alle Literatur ist ja nur um der Werdenden willen geschrieben." „Kein Ende kennt die Wissenschaft —, kein Ende kennt die Lehre. Aber zwischen beiden brennt die Flamme des Tags; sie nährt sich nur aus dem begrenzten Stoff des Augenblicks, aber ohne ihre Glut bliebe die Zukunft unerschlossen, ohne ihre Leuchte die Vergangenheit unsichtbar." „Wissenschaft" — das ist ihm nun gleichbedeutend mit geschichtlicher Erforschung der Vergangenheit; „Lehre" — ist ihm das Weisen in die Zukunft, Pädagogik im weitesten Sinne; weil zwischen ihnen die verbindende Gegenwart fehlt, wagt er die harte Feststellung: „Forschung und Lehre, Wissenschaft und Unterricht: unter uns sind sie gestorben". In scharfen Schlüssen wird die Wurzel des Uebels bloßgelegt: wir haben keine Lehrer, weil keinen Lehrerstand; keinen Lehrerstand, weil keinen Gelehrtenstand; keinen Gelehrtenstand, weil keine Wissenschaft; keine Wissenschaft, weil kein — Leben, keine Plattform für die bücherlose Gegenwart. Diese Folgerungen führen weit über die Position von „Zeit ist's" hinaus.