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Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · 11 (1930) · p. Seite 4

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4 Ernst Simon einer letzten Bestandsaufnahme noch einmal das gesamte Judentum katalogisiert und museal geordnet vorführen und aufbewahren wollte, um dann, unter stärkerer oder schwächerer Anlehnung an diese so gesicherte, zugleich aber entzauberte und historisch versenkte Tradition, die eigene jüdische Gegenwart inmitten einer bürgerlich bejahten nicht jüdischen Umwelt fortzuspiimen. Diesem, positiv und negativ gespeisten, Historismus gegenüber war Rosenzweigs Haltung eine so vollkommen andere, daß er vielleicht die Ansatzpunkte, die sich auch für ihn in der „Wissenschaft des Judentums" finden lassen, übersehen hat. Denn wenn auch in der Form geschichtlicher Untersuchung, so doch in der Absicht, eine Gegenwartsfrage zu beantworten, hat z. B. Leopold Zunz in seinen „Namen der Juden" (1831) nachgewiesen, daß die Juden schon immer Alexander geheißen haben, weil ihnen die preußische Reaktion Friedrich Wilhelms III. ihre Siegfried oder gar Christian nicht gönnen wollte. Auch „die gottesdienstlichen Vorträge der Juden" (1832) hängen mit einem ähnlichen Eingriff der Regierung zusammen und weisen nach, daß Vorträge und Predigten in der jeweiligen Landessprache schon immer in der Synagoge Brauch waren und also nicht als verbotene Neuerung gelten können. Noch in einem anderen Punkte, der zweiten zentralen Eigentümlichkeit seines „Zeit ist's", hätte sich Rosenzweig auf eine Art Vorläufer aus den klassischen Tagen der jüdischen Wissenschaft berufen können: wenn er die jüdische Bildungsfrage eng mit der jüdischen Lehrerfrage verknüpft und die Schaffung eines Standes wissenschaftlich gebildeter Theologen fordert, die unabhängig von der Rücksieht auf die Pflichten eines geistlichen Amtes wirken können, so erneuert er damit im Grunde nur jenen Gedanken, den Abraham Geiger bereits in Breslau propagierte und dann, freilich nur in der Theorie, durch die Gründung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" in Berlin durchzuführen gesucht hat. Freilich war in der Praxis daraus wieder nur ein Rabbinerseminar geworden, und eine wirkliche Erneuerung der jüdischen Wissenschaft schien Rosenzweig ebenso notwendig wie einst Abraham Geiger. Seine Idealforderung war — wieder gleich der einstigen Geigers — eine jüdischtheologische Fakultät an einer Universität; schon vor ihrer Schaffung aber sollte eine „Akademie für die Wissenschaft des Judentums" ins Leben treten. Auch in dieser Beziehung war der Plan so großzügig wie möglich. Das deutsche Judentum sollte durch einen „einmaligen Lehrbeitrag" — der deutsche „Wehrbeitrag" von 1913 war noch in frischer Erinnerung — zehn Millionen Mark aufbringen, deren Zinsen, 375 000 M. jährlich, an 150 wissenschaftliche Mitarbeiter in Summen von je M. 2500 ausgeschüttet werden sollten. Die andere Hälfte ihres Einkommens sollten diese Wissenschaftler als Lehrer an Religionsschulen verdienen. Auch dieser organisatorische Vorschlag spiegelt wieder eine ganz bestimmte Bildungsidee wieder: wie der Lehrplan vom Leben ausging und von dort aus zum Wissen führte, so sollten auch die Wissenschaftler aus eigener Erfahrung lernen, was gefragt wird. Rosenzweig liebte

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