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Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · 11 (1930) · p. Seite 3

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Journal
Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
Volume
11 (1930)
Date
1930-01-01
Page
Seite 3 (sequence 5)
Language
German
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IRI
…/2707513-2707530--462-2708035
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Franz Rosenzweig und das jüdische Bildungsproblem 3 wiesen. Hier aber trat jemand hervor, der kaum weniger stoffmaximalistisch war als die Orthodoxen und durchaus nicht weniger judenstolz, unbürgerlich, antiassimilatorisch als die Zionisten, und dessen Worte sich doch nicht an eine frühere oder künftige Mehrheit des deutschen Judentums wandten, sondern an die jetzige, liberale, ihr aber, gerade ihr, Nicht-mehr- oder Noch-nicht-Gewohntes zu sagen wagten. Auf dieser, für Rosenzweig höchst charakteristischen Kombination des scheinbar Utopischen mit dem nachweisbar Realen beruhte die Hauptwirkung der Schrift, mehr als auf ihrem Inhalt. Aber auch dieser war in vielem neuartig, vor allem in seinem nicht wesentlich geschichtlichen Charakter. „Jüdische Gegenwartskunde" hätte als geheime Überschrift über Rosenzweigs Lehrplan stehen können, wenn man das Wort weit und geistig genug faßt. Demgegenüber erschien die bisherige „Wissenschaft des Judentums" als wesentlich historisch. Das hatte seinen guten Grund darin, daß das alte, vorwissenschaftlich jüdische Wissen, bis in die Emanzipationsjähre hinein vom Talmud beherrscht, von dessen Anachronismus oder besser: Synchronismus die aller modernen historischen Methode denkbar entgegengesetzte Haltung übernommen hatte. Die „Wissenschaft des Judentums" wurde historisch aus einem emanzipatorischen Antriebe: sie wollte ihr Stoffgebiet denen der europäischen Schwesterwissenschaften gleichwertig machen und unterwarf es deshalb der damals zur Alleinherrschaft vordringenden historischen Methode. Was im Talmud, und später auch in der Bibel, als Gleichzeitiges auftrat, wurde in seine Entstehungsschichten zerlegt, aus seinem vorgefundenen literarischen Zusammenhang gelöst und einem neuen, literarhistorischen, konstruktiv eingefügt. Dabei wurden viele unverlierbare Erkenntnisse gewonnen; andere gerade gingen verloren oder gerieten doch in den Hintergrund. Wenn der Midrasch, und nach ihm Raschi, der Zwilligsmutter Rahel Leid dahin interpretiert, daß Jakob immer aus dem Mutterleibe gestrebt habe, wenn man sich dem Lehrhause von Schern und Eber näherte, so weiß auch er, daß es zu Jizchaks Zeit noch keine Lehrhäuser und keine Thora gab. Der Anachronismus ist also nicht jener naive auf mittelalterlichen Bildern, die Jesus im Gewände ihrer Zeit und die Apostel als Kreuzritter zeigen, sondern mit einer sehr komplizierten und metaphysisch wohl begründbaren Idee verbunden: mit dem Glauben an die Präexistenz der Thora und des Thoralernens. Aber nicht nur dieser vormenschliche Ausgangspunkt, auch die zwischenmenschliche Praxis bedingen den talmudischen Synchronimus: die ewige und daher gegenwärtige Geltung des Pflichtensystems, das aus dem Schriftwort abgeleitet ist und dessen tägliches Neuabgeleitetwerden im „Lernen" die einzelnen Stadien des, im Grunde dialektisch gleichzeitigen, exegetischen und hermeneutischen Prozesses zum Zufall macht, dem keine volle Wirklichkeit entspricht. Da die „Wissenschaft des Judentums" weder jener Offenbarungslehre noch, wenigstens in ihren wichtigsten Vertretern, dieser Verpflichtung auf das Gesetz als gestaltende Gegenwart offen war, gesellte sich ihrem, oben ausgesprochenen, emanzipatorischem Motiv noch ein reformistisches, das in

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