Mannheim
Compact Memory

Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · 11 (1930) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
Volume
11 (1930)
Date
1930-01-01
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2707513-2707530--461-2708034
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Ernst Simon selbst zu Ende tun ließ. Er hätte eine ähnliche Antwort wohl auch dann gegeben, wenn nach einem anderen großen Denker in dieser Weise gefragt worden wäre: aber bei Hegel kam vielleicht noch eine besondere philosophiegeschichtliche Überzeugung hinzu, die später auch im „Stern der Erlösung" eine Rolle spielt: „Denn als einen Abschluß muß man es wohl bezeichnen, wenn dies Wissen nicht mehr bloß seinen Gegenstand, das All, sondern auch sich selber restlos, wenigstens nach seinen eigenen Ansprüchen und in seiner selbsteigenen Weise restlos, umgreift. Das ist geschehen in Hegels Einbeziehung der Philosophiegesehichte ins System. Weiter seheint das Denken nicht mehr gehen zu können, als daß es sich selber als die innerste Tatsache, die ihm bekannt ist, nun als einen Teil des Systembaus, und natürlich als den abschließenden Teil, sichtbar hinstellt." (S. 11.) In diesem Sinne also hat Hegel sich selbst seine Stellung in der Geschichte der Philosophie angewiesen und damit auch schon dem „neuen Denken", eben durch den Abschluß des alten in seiner eigenen Historisierung, den Weg freigemacht. Inwieweit dieser Inhalt in Rosenzweigs Examensantwort schon bewußt war, wird schwer festzustellen sein: systematisch ist er in ihr enthalten. Aber es sollte noch lange dauern, bevor das neue Denken befruchtend in die Welt der jüdischen Bildung trat. Das erste Hervortreten Rosenzweigs als jüdischer Bildungspolitiker verriet jedenfalls, so bedeutsam und folgenreich es gewesen ist, noch nichts von seiner späteren prinzipiellen denkerischen Haltung. 1917 richtete er aus dem Felde einen offenen Brief „Zeit ist's" an Hermann Cohen, der als Broschüre gedruckt wurde, im Januar 1918 bereits in zweiter Auflage vorlag und den bisher unbekannten Autor mit einem Schlage in den Mittelpunkt der deutsch-jüdischen Aufmerksamkeit stellte. Was war das Neue und Erregende dieses offenen Briefes an das deutsche Judentum} denn es war ja in seinem sichtbaren Repräsentanten der eigentlich gemeinte Adressat? Mit ungeheurer Kühnheit und Frische warf ein sichtlich außerhalb der Zunft stehender junger Mann ein in seinen Zielen höchst optimistisches Bildungsprogramm für den Religionsunterricht an den Horizont. Utopisches und Reales vermischten sich sonderbar und schufen eine eigenartige Atmosphäre künftiger Lebenswirklichkeit, die immer ihre Ansatzpunkte in der schon gegenwärtigen fand: zwar wurde Ungeheures verlangt: Hebräisch, ab Obersekunda sogar Talmud, literarischer Gesamtüberblick, philosophische Vertiefung, aber der Ausgangspunkt war ganz realistisch das aschkenasische Hebräisch des Gebetes, der synagogale Brauch, der jüdische Kalender im Kreislauf des jüdischen Jahres, das jüdische Bürgertum und seine Söhne, die höheren Schüler. Wenn in den letzten Jahrzehnten vorher neuartige Bildungsprogramme aufgestellt oder teilweise verwirklicht worden waren, so bezogen sie sich stets nur auf einen kleinen Teil des deutschen Judentums: den orthodoxen oder den zionistischen,, waren also, was ihre Massenwirkung anlangte, auf wehmütiger Erinnerung an vergangene oder auf Erobererhoffnung auf die künftige Vorherrschaft ange-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.