Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 10 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 38)
- Language
- German
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36 Fritz Baer (Rabbiner in Venedig am Anfang des 17. Jahrhunderts) zutage kommt. Unter Leo Modenas Manuskripten befand sieh eine hebräische Schrift, die die Halacha in schärfster Weise kritisiert und den Versuch macht, ein vom Talmud gereinigtes Judentum herzustellen, dem an Stelle seiner bisherigen trostlosen Lage die geistige und politische Führung der Menschheit zufallen werde. Die Schrift will im Jahre 1500 zu Alcala de Henares von einem Rabbi Amittai ben Jedaja aben Ras verfaßt worden sein. Leo Modena nennt sie Kol Sachal (Stimme eines Toren). Er hat sie für seine privaten Zwecke abgeschrieben und angefangen, sie zu widerlegen, aber seine Arbeit nach wenigen Sätzen abgebrochen. Das hat ihm bei der Kritik unserer jüdischen Aufklärung den Verdacht eingetragen, als habe er die Widerlegung nur zum Schein geschrieben, während in Wirklichkeit er der eigentliche Verfasser der „Torenstimme" war. Den gleichen Vorwurf hatte man ihm wegen einer anderen traditionsfeindlichen Schrift gemacht, die inzwischen zweifelsfrei als Werk des Uriel da Costa erwiesen worden ist. Die weitere Konsequenz ist, daß er auch mit dem Kol Sachal nichts zu tun hat. Die früher für seine Autorschaft geltend gemachten Argumente, denen immer noch eine gewisse Beweiskraft für seine redaktionelle Beteiligung eingeräumt zu werden scheint, sind gänzlich hinfällig und kaum erwähnenswert. Jetzt liegt aber auch ein greifbarer Gegenbeweis vor. Die Schrift Kol Sachal gibt Abners Tabelle der „schlechten zehn Gebote", die sich im More Zedek findet, mit Namensnennung des Autors wörtlich wieder, nur unter der charakteristischen Fortlassung der auf das Christentum bezüglichen Gesetze, und das Buch scheint auch sonst Anklänge an Abners Kritik zu verraten. Leo Modena hat die Parmaer Handschrift besessen und sie mit Anmerkungen versehen, wobei er übrigens — es gab eine Auffassung, der gegenüber man auch dieses hervorheben muß — aus seiner selbstverständlichen Abneigung gegen den Renegaten kein Hehl macht. Soviel geht aus diesen Randnotizen mit Sicherheit hervor, daß Leo Modena außer dieser Handschrift nichts von Abner gewußt und auch seine Liste der „Chukim lo Tobim" nicht gekannt hat. Er .ist also der Verfasser der Schrift Kol Sachal nicht gewesen. Nachdem dieses kleine; Werk aus seiner unheilvollen literarischen Umklammerung befreit ist, wäre es an der Zeit, seine historische Bedeutung näher zu würdigen. Das verdient es weit mehr als da Costas Thesen, die sachlich kaum mehr darstellen, als ein paar herausgegriffene Sätze aus den systematischen Darlegungen des Kol Sachal. Dieses Verhältnis hat man übrigens auch früher erkannt und es gerade als Beweis für die Autorschaft Leo Modenas angesehen. Nachdem sich nun alle der Überlieferung widersprechenden Konjekturen als halllos erwiesen haben, dürfte es geboten sein, wenigstens hypothetisch die Angaben der Überlieferung in den Vordergrund zu stellen. Ich halte es nicht einmal für ausgemacht, daß der Name des Autors ein Pseudonym ist. Für die Überlieferung spricht, daß außerhalb Spaniens und nach 1500 Abners Schriften, soweit ich sehe, nicht mehr gelesen wurden. Demnach wäre also im Jahre 1500 zu Alcala von einem getauften, aber seines Judentums bewußten und mit der jüdischen Tradition