Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 10 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 37)
- Language
- German
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Abner von Burgos 35 gestellt Es ist nur eine Konsequenz der im vorigen Abschnitt dargelegten Gedankengänge, wenn bei Abner diese Angriffe verschwinden, um anderen, allerdings weniger belangreichen Platz zu machen. Aber dem dritten Gebot stellt der Karäer wie der christliche Konvertit die talmudische Lehre von der Auflösbarkeit der Gelübde gegenüber. Bei beiden Autoren wird die Kol-Nidre- Formel ausdrücklich genannt. Abner fügt eine längere Auseinandersetzung an, die zeigt, daß die Formel bereits zu seiner Zeit das Objekt lebhafter Polemik geworden war. Ein Teil der übrigen Antithesen, die Abner dem Dekalog gegenüberstellt, sind Beispiele von absurden Konsequenzen, zu denen die talmudische Kasuistik geführt hat. Abner konnte derartige Proben zum Teil aus der Tabelle des Salomo ben Jerucham direkt übernehmen, teils überall in der karäischen Literatur finden, die reich genug an solchen Materialsammlungen ist. Dazu kommen Angriffe auf die talmudische Sexualethik, die Abner wohl nicht zum erstenmal ausgesprochen hat. Eigenes christliches, aber nicht Abnersches Erzeugnis sind nur die Angriffe auf das Verhältnis des Talmud zum Christentum. Abner hat sich schließlich des öfteren mit der jüdischen Chronologie befaßt, unter anderem in einem Brief an die Toledaner Juden vom Jahre 1334, der zwar anonym in Isaak Israelis Jesod Olam mitgeteilt wird, aber jedenfalls ihm zugehört. Die Angriffe der Karäer auf den rabbinischen Kalender sind bekannt. Sie hatten von ihrem Standpunkt aus ihre Berechtigung. Im Munde eines spätmittelalterlichen christlichen Polemikers bezweckten sie nichts anderes, als das Judentum ad absurdum zu führen und seinen Bekennern eine gelegentliche Bosheit zu sagen. Genug davon! Es ist der unerfreulichste und dürftigste Bezirk in der Gedankenwelt dieses Mannes, der freilich auch hier wie überall mehr Geist und Selbständigkeit zeigt als andere seinesgleichen. 9. Zu Abners Nachwirkung. Es bot sich oben Gelegenheit, an einigen Beispielen zu zeigen, wie Abners Gedanken und Worte in der jüdischen Literatur seines Jahrhunderts Widerhall fanden. Wahrscheinlich werden sich noch mehr derartige Zusammenhänge zeigen lassen. In der christlichen spanischen Literatur sind Abners Werke neben dem Pugio Fidei zur Grundlage aller späteren Polemik gegen das Judentum geworden. Keiner seiner Nachfolger hat nach ihm einen neuen Gedanken zutage gefördert. Ein nicht geringer direkter oder indirekter Einfluß wird Abner auch in der Geschichte der jüdischen Häretiker zukommen, denen Abner selber zweifellos zuzurechnen ist. Seine Wirkung ging nach zwei Richtungen, die aus dem Judentum hinausführten. Der eine Weg ging über die heterodox ausgelegte Hagada, der andere über die Kritik der Halacha, zu der Abner bereits entwicklungsgeschichtliche Ansätze liefert. Auf diese Seite seiner Nachwirkung will ich einen Augenblick eingehen, weil die Geschichte seines handschriftlichen Nachlasses damit verknüpft ist und dadurch eine wichtige Aufklärung über die zu viel umstrittene Persönlichkeit des Leo de Modena