Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 10 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2707513-2707532--440-2708012- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
32 Fritz Baer der Messias bereits erschienen ist, und es kann kein anderer als Jesus Christus sein. Ein späterer Redaktor, der den Sinn dieser Tradition nicht kannte oder nicht kennen wollte, hat dann einen Zusatz gemacht, der den wahren Inhalt des Vordersatzes aufhob. Ein Kopf von talmudischer Schulung konnte, so sollte man meinen, durch eine derartige Argumentation nicht erschüttert werden. Es blieben auch nicht die sachgemäßen Widerlegungen solcher Beweise aus. Aber es gab auch Leute, und nicht immer nur Ignoranten, die mit einemmal ihre Augen geöffnet glaubten und die vertrauten Sätze zu ihrem eigenen Erstaunen in ganz neuem Lichte sahen. Die anderthalb Jahre dauernde Disputation von Tortosa (1413—1414) hat sich fast nur mit solchen Sätzen beschäftigt, und die Folgen waren trotz aller Aufklärungen, die die Führer der Juden gaben, verheerend. Die Juden hielten den Angreifern mit Recht entgegen: Warum haben die Talmudisten sich nicht bekehrt, wenn sie wirklich, wie ihr meint, christologische Traditionen in ihren Büchern aufbewahrten? Das letztere einmal eingeräumt, hat doch ihr ganzes Leben im bewußten Gegensatz zu derartigen Lehren gestanden, und das ist für uns das Maßgebende. Aber Martini und seine Schule blieben dabei, daß die Talmudisten nur aus Verstocktheit die in ihrem Innern lebendigen Glaubenswahrheiten verkannt und absichtlich mißdeutet hätten. Tiefer geht diese Methode da, wo sie Spuren des Inkarnations - Dogmas in der Hagada aufzudecken versucht. Was diese Methode bedeutet, kann man, noch besser als aus dem Pugio Fidei, aus den Darlegungen seines Fortsetzers Abner erkennen, der auf diesem Gebiet seinen ganzen Geist entfaltet hat. Man wird zugeben, daß er in seiner Art Probleme gesehen hat, denen unsere moderne Religionswissenschaft in ihrei Weise beizukommen versucht, und es kommt nur noch darauf an, genau festzustellen, wie viel er älteren Religions-Kritikern des arabischen Kulturkreises entnommen hat. Der Ausgangspunkt scheint mir vollkommen klar. Die christologische Exegese hat gerade an diejenigen Stellen der Hagada (wie früher der Bibel) angeknüpft, die der Philosophie und dem karäischen Standpunkt seit jeher Anlaß zu Angriffen, Zweifeln oder zu allegorisierenden Ausdeutungen gegeben hatten, und die gerade zur Zeit Martinis und Abners bei den spanischen Juden den Tummelplatz für die mannigfaltigsten religionsphilosophischen Betrachtungen boten. Aus diesem Gebiet hat Donin die Unterlage für seine Angriffe geholt und damit erst recht das Augenmerk der Christen auf diese kostbare Fundgrube gelenkt. Da aber derartige Angriffe keineswegs verstummten, sondern in derselben Form während des ganzen Mittelalters weitergegeben wurden, so ergab sich der seltsame Widerspruch, daß dieselben Hagadot oder doch solche von derselben Kategorie auf der einen Seite wegen ihres angeblichen blasphemischen Inhalts beschimpft, auf der anderen Seite als Künder christlicher Mysterien gerühmt wurden. Das muß man den Werken des Raimund Martini und seiner gänzlich unselbständigen Nachbeter vorwerfen. Abner dagegen hat offensichtlich und konsequent jede gehässige Spitze gegen den Inhalt der Hagada vermieden. Er wußte, daß er