Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 10 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 33)
- Language
- German
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Abner von Burgos 31 gegen den Anthropomorphismus der Hagada sind rational-philosophischen, nicht christlich-theologischen Ursprungs. Die Juden des 13. Jahrhunderts haben sich begnügt, durch Interpretation der betreffenden Stellen in verschiedener Weise zu antworten, die eigentliche Grundlage des Angriffs scheint ihnen entgangen zu sein. Der dritte Punkt der Thesen von 1240 betrifft die talmudische Lehre von der Auflösbarkeit der Gelübde und das Kol-Nidre-Gebet. Es ist wichtig zu konstatieren, daß die lateinischen Thesen und der offiziöse Kommentar die talmudischen Stellen ohne tendenziöses Beiwerk bringen, während man aus dem hebräischen Bericht sieht, daß während der Disputation der im Talmud ganz allgemein behandelte Gegenstand bereits ausschließlich auf die Verpflichtungen der Juden gegenüber den Christen zugespitzt worden ist. Auf diesem Wege ist der christliche Angriff auf das Kol-Nidre-Gebet und die Theorie von der Unzuverlässigkeit der jüdischen Eide gegenüber den Christen entstanden. So wie der Angriff in den lateinischen Thesen von 1240 formuliert worden ist, dokumentiert er sich als wörtliche Übernahme aus der karäischen Literatur, die in der Lehre von der Auflösbarkeit der Gelübde tatsächlich einen der wunden Punkte der von ihnen prinzipiell angegriffenen Halacha sah. Dort aber handelte es sich um eine systematische Kritik der Halacha. Die christliche Kirche konnte damit nichts zu tun haben, und so bleibt der Angriff innerhalb der Thesen von Paris zunächst isoliert und unmotiviert. Daß diese Zusammenhänge zwischen christlicher und karäischer Polemik bestanden, wird sich weiter aus Abners Schriften bestätigen. Zunächst aber haben wir uns mit einem weiteren Ergebnis des christlichen Talmudstudiums zu beschäftigen. 7. Abners Stellung zur Hagada. Nikolaus Donins Thesen hatten den Talmud zum ersten Mal in den Gesichtskreis der offiziellen kirchlichen Instanzen gerückt. Seine Angriffe müssen erst den Anlaß gegeben haben, sich ernsthaft mit dem Talmud zu beschäftigen und schließlich eine Waffe ganz anderer Art in ihm zu finden, als der unbedeutende Donin gemeint hatte. Man kam zu der Überzeugung, in der Hagada die verschütteten Spuren der christlichen Mysterien aufdecken zu können. Es bildete sich eine ganze Schule (von Dominikanern, Franziskanern und getauften Juden), die diesen Gedanken verfolgten. Die Ergebnisse ihrer Bemühungen sind in dem gelehrten Werke des Raimund Martini „Pugio fidei adversus Mauros et Judaeos" (1279) niedergelegt. Die Beweisführung ist zum Teil von einer für unsere Begriffe außerordentlichen Naivität. Es lehrt z. B. eine Baraita: „Sechstausend Jahre dauert die Welt. Zweitausend gehören dem Chaos, zweitausend der Tora, zweitausend dem Zeitalter des Messias. Aber infolge unserer Sünden sind bereits so und so viel Jahre davon vergangen." Daraus wird gefolgert: Die Juden hatten eine Tradition, wonach der Messias bereits nach Ablauf von 4000 Jahren seit Erschaffung der Welt kommen sollte. Damit ist bewiesen, daß