Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 10 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 29 (sequence 31)
- Language
- German
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Abner von Burgos 29 den Weisen und Schriftgelehrten eine höhere Autorität zu als den Propheten. Sie können das geschriebene Gesetz aufheben. Man muß ihnen gehorchen, wenn sie rechts für links und links für rechts erklären. Wer gegen ihre Worte handelt, ist todesschuldig. 2. Die hagadischen Bestandteile des Talmud äußern unwürdige menschliche Vorstellungen von Gott: Gott sündigt, bereut seinen Eid und bittet um Absolution, studiert den Talmud und unterrichtet die Kinder, erklärt von den Juden in der Disputation über eine talmudische Frage besiegt zu sein, weint dreimal im Tag, und ähnliches mehr. 3. Wer seinen Eid nicht halten will, kann zu Jahresbeginn erklären, daß die von ihm im Lauf des kommenden Jahres zu übernehmenden Verpflichtungen ungültig sein sollen. Drei einfache Juden können von jedem Eid entbinden. 4. Der Talmud enthält Angriffe auf die christliche Religion und unsittliche Vorschriften in Bezug auf das Verhalten gegenüber den Christen. — Uns geht hier nicht die Frage der Berechtigung an (diese Frage ist für die geschichtliche Betrachtung ohnedies hinfällig), sondern die nach dem historischen Ursprung der Angriffe. Der vierte Punkt bietet in dieser Beziehung nichts Auffälliges. Es war naheliegend, daß man, um eine Unterlage für Angriffe gegen das Judentum zu finden, wirkliche oder vermeintliche christenfeindliche Stellen aus dem Talmud zusammensuchte. Die übrigen Angriffe aber, besonders die im ersten Punkt zusammengefaßten wie auch die einleitenden Worte der päpstlichen Bulle müssen bei einem kritischen modernen Leser einige Verwunderung erregen, genau so, wie sie die jüdischen Zeitgenossen in Erstaunen und Entrüstung versetzt haben. Den Juden wird ein Vorwurf daraus gemacht, daß sie neben der schriftlichen eine mündliche, später im Talmud kodifizierte Lehre besitzen, und daß sie ihren Weisen eine hervorragende Autorität zuerkennen. Aber darin bestand doch gerade die Eigenart des mittelalterlichen Judentums! In jedem europäischen Staat lebten damals die Juder nicht nur in Ritualien, sondern in allen Fragen des privaten und in vielen Beziehungen des öffentlichen Rechts nacb den Vorschriften des Talmud, und sie fanden dabei die Approbation der Fürsten, auch der Kirchenfürsten. Dem Papst wie allen Beteiligten an der Pariser Disputation konnte das nicht unbekannt sein. Es konnte auch nicht die ernsthafte Absicht sein, die Juden des Talmud zu berauben und sie strikt an den Wortlaut der Bibel zu binden Mit Recht erklärten die Juden wenige Jahre später in einer Eingabe an Papst Innozenz IV., daß sie nach den Grundsätzen ihres Glaubens die Bibel und ihre übrigen Religionsvorschriften ohne den Talmud nicht verstehen könnten, und in der Tat antwortete ihnen der Papst, daß er, der nach göttlichem Willen die Juden in ihrer Religion zu dulden habe, sie weder ihrer Religion noch ihrer grundlegenden Schriften berauben wolle. Damit wurde das von Donia inspirierte Verdammungsurteil aufgehoben oder doch auf eine Zensur der talmudischen Literatur reduziert. Die Kirche mußte stillschweigend anerkennen, daß eine gedankenlos entworfene Denunziation von ihr gedankenlos übernommen war, übrigens ein im mittelalterlichen Verfahren nicht seltener Fall. Donin hat seine Angriffe nicht erst erfunden, sondern aus einer fremden Vorlage abge-