Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 10 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 29)
- Language
- German
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Ahner von Burgos 27 Auffassung in einem Brief an Abner dargelegt, der in der Parmaer Handschrift erhalten ist. Auf Grund dieses Briefes konnte ihm Abner nicht mit Unrecht vorwerfen, daß das, wozu er sich bekenne, überhaupt keine Religion, sondern Philosophie sei. Abner wies mit Recht darauf hin, daß die Tora und der Talmud keine Erkenntnislehren mitteilen, sondern daß sie zum sittlichen Leben erziehen wollen. „Das Ziel aller Gebote und der in ihnen enthaltenen Glaubenslehren richtet sich auf die Tat, die aus dem Gebot: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, folgt". Die Bestimmung des Menschen ist, Gott zu lieben und ihm zu dienen, aber nicht irgendwelche metaphysischen Wahrheiten zu erlangen, die den meisten Menschen unzugänglich sind. In Pollegars System fehlen gerade die entscheidenden Glaubenslehren von der göttlichen Vorsehung und Vergeltung. Er leugnet nach Abner in einer Schrift, die uns nicht vorliegt, geradezu die individuelle Unsterblichkeit. Pollegar hat den von Abner kritisierten Brief später umgearbeitet und seinem noch erhaltenen Buch „Eser Hadat" einverleibt. Wir sind hier in der seltenen Lage, ein hebräisches Literatur er zeugnis des Mittelalters in verschiedenen Auflagen kennenzulernen. Pollegar hat in der zweiten Auflage offensichtliche, wenn auch nicht genügende, Zugeständnisse an Abners Einwände gemacht. Er verschweigt dies freilich und gebärdet sich überhaupt so, als seien seine Beziehungen zu Abner ganz zufälliger und gelegentlicher Natur. Die Kritik, die Abner in wenigen temperamentvollen Sätzen hingeworfen hat, wurde später von Chasdai Crescas in seinem Or Adonai systematisch durchgeführt. Chasdai scheint einen Abschnitt aus Pollegars Buch fast wörtlich übernommen zu haben. Ob er Abners Schriften gelesen hat, möchte ich nicht entscheiden. Aber seine Worte klingen an die Abners an, und es ist schwer anzunehmen, daß die x\rgumente des kastilischen Propagandisten in der Heimat und im Kreise der Lehrer des nur zwei Generationen jüngeren Barcelonaer Apologeten unbekannt geblieben sein sollen. Wie diese Zusammenhänge zu beurteilen sind, wird man sehen, wenn die entsprechenden Abschnitte gedruckt vorliegen. 5. Abners Verhältnis zur Bibel. Abner hat die Erkenntnis, die ihm bereits durch innere Erleuchtung so gut wie feststand, durch eine entsprechende Interpretation der Bibel zu begründen versucht. Das war der Weg, den vor ihm noch jeder christliche Konvertit hatte gehen müssen. Es handelte sich für Abner besonders darum, nachzuweisen, daß die messianischen Prophezeiungen des Jesaja und des Danielbuches in der Zeit des zweiten Tempels erfüllt worden seien. Seine Ausführungen scheinen fast wörtlich von dem etwas jüngeren spanischen Rabbiner Chajim Galipapa (bei Albo, Ikkarim IV, 42) übernommen worden zu sein, falls sie nicht etwa beide auf einen noch älteren Autor zurückgreifen. In ähnlicher Weise hat schon im 11. Jahrhundert Mose Chicatella den Jesaja interpretiert und ist deswegen Jahrhunderte hindurch arg angegriffen worden, und so ist es