Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 10 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 28)
- Language
- German
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26 Fritz Baer die psychologischen Ursachen von Abners Übertritt sicher nicht restlos aufdecken können. Aber ein Mann von derartiger literarischer Bedeutung kann beanspruchen, daß man in erster Linie seine Gedankengänge bis in ihre Wurzeln zu verfolgen sucht. Dabei wird sich vielleicht auch einiges für die psychologische Beurteilung ergeben. 3. Abners Bildungswelt. Abners erhaltene Schriften sind zum größeren Teil ursprünglich hebräisch abgefaßt, in einem für seine Zeit selten reinen und lebendigen Hebräisch. Er beherrscht die talmudische und exegetische und die philosophische Literatur der Juden und Araber, soweit sie damals einem gebildeten Juden zugänglich war. Christliche Schriftsteller (Augustin und Thomas) werden demgegenüber selten zitiert, und es ist noch zu kontrollieren, ob er sie aus erster Hand benutzt hat. Von nicht theologischer lateinischer Literatur ist bei ihm kaum die Rede. Seine historischen Kenntnisse bezieht er hauptsächlich aus jüdischen Bearbeitungen. Seine Schriften sind allerdings vorwiegend zur Wirkung auf jüdische Kreise bestimmt. Aber man darf doch wohl annehmen, daß er sich nicht viel anders geben konnte, als er sich in diesem umfangreichen literarischen Nachlaß gibt. Während er das Judentum bekämpft und für d!as Christentum wirbt, spricht und denkt er noch ganz wie ein Jude. Insofern hat ihn Narboni zweifellos richtig beurteilt. Ein Christ wird ihn schwerlich verstanden haben. Vielleicht teilt er diesen Zug mit anderen jüdischen Konvertiten des Mittelalters. Aber man lese dagegen das allerdings im hohen Alter geschriebene Scrutinium Scripturarum des Bischofs Paulus von Burgos. Hier ist kaum etwas von der Denkweise des geborenen Juden zu verspüren. Jedoch hat sich nicht die Annahme bestätigt, daß Abners Entwicklungsgang etwa durch kabbalistische Einflüsse bestimmt worden wäre. Er erwähnt zwar gelegentlich kabbalistische Sätze und legt sie christologisch aus, wie er in jedem Zweig der jüdischen Literatur christologische Spuren zu finden weiß. Aber soweit ich beurteilen kann, verrät er keine innere Beziehung zur kabbalistischen Schule. Die Sätze, die bei dem etwas älteren Isaak von Akko im Namen eines Kabbalisten Rabbi Abner zitiert werden, habe ich durchgesehen, aber nichts in ihnem gefunden, was auf eine Identität mit dem Konvertiten schließen lassen könnte. 4. Abner und Isaak Pollegar. Für den Kreis, aus dem Abner hervorgegangen ist, erscheint typisch die Gestalt seines jüngeren Freundes Isaak Pollegar, eines gewandten philosophischen Schriftstellers, dessen jüdische Religiosität den stark intellektualistischen Charakter hatte, wie er der Schule des Maimonides eigen war. Nach Abners Urteil gehörte er zu denen, die die Einfalt (temimut) des Glaubens verloren, aber nicht dafür die Vollkommenheit (schelemut) erlangt haben. Er hat seine