Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 10 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 26)
- Language
- German
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24 Fritz Baer Begründung zu geben. In welcher Weise dieses geschah, werden wir in den späteren Abschnitten sehen. Was Abner erschüttert hat, war die zermürbende tägliche Not des jüdischen Volkes, die alle Heilsprophetien zuschanden machte. Es hat sich an ihm in verhältnismäßig ruhigen Tagen dieselbe Wandlung vollzogen, wie an ganzen Gemeinden in Zeiten der Massenverfolgung. Denn, wie Abner zitiert „dem Weisen kommt man mit einer Andeutung, dem Narren mit Faustschlägen." Daß Abner seinen Gesinnungswechsel nicht ohne inneren Kampf vollzog, darf man ihm wohl glauben. Es fehlte auch nicht an Hemmungen zweiten Ranges, die er überwinden mußte. Im ersten Kapitel seines Hauptwerkes erörtert er umständlich die Motive, die einen Juden vom Glaubenswechsel zurückhalten können. Der Konvertit muß alles, was ihm bisher vertraut und lieb war, alte Gewohnheiten, Freunde und Verwandte, Frau und Kinder im Stich lassen. Er verliert seinen Reichtum und seine angesehene Stellung in der Gemeinde. Statt dessen hat er wegen seines Übertritts in allen Lagern üble Nachrede zu erwarten. Seiner Familie macht er Schande. Auch ist die öffentliche Taufe für einen erwachsenen Menschen keine angenehme Sache. Theoretische Voraussetzung zum Glaubenswechsel muß sein, daß man bei Prüfung der eigenen Religion auf Zweifel und Lücken stößt, und daß man den geeigneten Lehrer auf dem Weg der wahren Erkenntnis findet. Beides trifft selten zusammen. Außerdem will Gott nicht immer die Bekehrung des Sünders. Weiterhin verteidigt sich der Autor gegen den Vorwurf der Treulosigkeit wegen Preisgabe des angestammten Glaubens. Er beruft sich auf das Recht der eigenen Vernunft, nach eifrigem Diskutieren mit den Gelehrten der Zeit und nach langem Forschen sich selbständig zu entscheiden, und verweist auf das Beispiel Abrahams, der im Alter von 52 Jahren3) alle Zweifel ausgekämpft und sich ohne Rücksicht auf Eltern und Lehrer zu Gott bekannt habe. In diesem Alter scheint Abner die Taufe angenommen zu haben. Es kann nicht wundernehmen, daß Abners jüdische Gegner seinen Entwicklungsgang in anderem Licht gesehen haben. Pollegar erinnert den Konvertiten später an eine von diesem verfaßte philosophische Schrift, die Irrlehren enthalten habe („daß die Urmaterie Substanz und geformt ist, daß das Leere existiert und das die Engel körperlich sind"). Sein Gegner meint, wäre man ihm damals, als er derartige Lehren zuerst verkündete, entschieden entgegengetreten, so würde er an weiteren verhängnisvollen Konsequenzen verhindert worden sein. Vernichtend klingt auch das Urteil des jüngeren Philosophen Mose Narboni, der Abner in seinen letzten Lebenstagen kennenlernte. Narboni erklärt ihn für einen außerordentlichen Gelehrten. Er habe aber dem Judentum den Rücken zugekehrt, als er sah, daß seine philosophischen Bestrebungen bei seinen Glaubensgenossen keine Unterstützung, sondern nur Gegnerschaft fanden. Denn er habe nicht zu den Frommen gehört, die mit einem Leben voller Entbehrungen zufrieden sind. Später habe ihn die Reue darüber ergriffen, daß 3) Diese Ziffer stimmt nicht ganz genau mit der Tradition des Midrasch überein. Vielleicht hat Abner die überlieferte Zahl mit Bezugnahme auf sein eigenes Alter geändert.