Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 10 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 24)
- Language
- German
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22 Fritz Baer die Auseinandersetzung mit den Kollegen gegeben, und die wichtigsten Fragen können geklärt werden, bevor über die für die Edition zu treffende Textauswahl endgültig entschieden ist. Denn da an einen vollständigen Druck von Abners Werken nicht gedacht werden kann, so sollen bei der Auswahl wenigstens alle in Betracht kommenden wissenschaftlichen Interessen nach Möglichkeit berücksichtigt werden. 2. Zeugnisse über Abners Gesinnungswechsel. Leider stammen die erhaltenen Schriften Abners alle aus der Zeit nach seiner Bekehrung, etwa aus den zwanziger und dreißiger Jahren des 14. Jahrhunderts. Im einzelnen lassen sie sich nicht näher fixieren. Inhaltlich bewegen sie sich meistens in denselben Gedankengängen. Sie sind in verschiedener Form Auslegungen desselben fertigen Systems. Aus seiner früheren Entwicklungsperiode liegen keine direkten Zeugnisse vor. Es ist Anlaß anzunehmen, daß Abner in seiner jüdischen Heimatgemeinde — Burgos oder eine andere Stadt Nordkastiliens, der auch Pollegar entstammte — bereits in jungen Jahren eine angesehene Stellung einnahm. Wie er selber berichtet, war er Zeuge der messianischen Bewegung, die im Jahre 1295 die nordkastilischen Juden erfaßte. Auf Grund einer Prophetie zweier Juden aus Avila und Aillon erwarteten am letzten Tage des Monats Tamus des genannten Jahres die Juden in ihren Synagogen, fastend und betend und in Totengewänder gehüllt, die Zeichen der Erlösung. Statt derer wurden auf ihren Kleidern Kreuze sichtbar. Einige der durch derartige Visionen Beunruhigten gingen auf Veranlassung ihrer Angehörigen zu Abner, um sich bei ihm ärztlichen Rat zu holen. — Hier ist der kritische Referent genötigt, eine Bemerkung einzuschalten. Von einem „Propheten aus Avila£C handelt ein bekanntes Responsum des Salomo ben Adret, das wohl mit Recht mit Abners Bericht in Verbindung gebracht worden ist. Dieser Prophet scheint in der Tat die jüdischen Gemeinden Nordspaniems in einige Aufregung versetzt zu haben. Jedoch die Vision der Kreuzeszeichen, freilich im Mittelalter eine häufig wiederkehrende Begleiterscheinung der eschatologischen Ekstase, wird bereits früher in einem ähnlichen Zusammenhang erzählt. Als Kaiser Julian (362) den Versuch machte, den Tempel zu Jerusalem wieder aufbauen zu lassen, soll das Unternehmen durch wunderbare Naturereignisse und Zeichen, u. a. auch durch die plötzliche Erscheinung von Kreuzen auf den Gewändern der mit dem Bau beschäftigten Juden, verhindert worden sein. Diese Geschichte wurde in der erbaulichen Literatur der Christen oft weitergegeben, und Abner konnte sie mindestens in den in Spanien kursierenden Chroniken lesen. Er ist also von dem Verdacht nicht freizusprechen, daß sich hier die literarische Tradition mit seinen eigenen Erinnerungen vermischt hat2). — Zunächst übten diese Ereignisse keine unmittelbare Einwirkung 2) Hierauf hat bereits Isidore Loeb aufmerksam gemacht, der einige flüchtige Proben aus dem Pariser Manuskript veröffentlichte.