Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 10 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Abner von Burgos 21 eine theologische Frage, aber unter der offiziellen Formel machen sich am ausgehenden Mittelalter immer mehr die wirtschaftlichen und sozialen Fehden breit. Die religiöse Polemik des Mittelalters geht auf praktische Wirkungen aus, und es ist ihr in der Tat oft genug gelungen, die Lebensverhältnisse zu beeinflussen und der öffentlichen Gesetzgebung ihre Worte in den Mund zu legen. Es ist ein Unding, jüdische Geschichte an Hand von Urkunden studieren zu wollen, ohne die theologischen Voraussetzungen auf jüdischer und christlicher Seite zu kennen. Aber ganz abgesehen von diesen aktuellen Beziehungen ist die religiöse Auseinandersetzung aufs tiefste mit dem Anliegen des Historikers verknüpft. Die Apologetik des Judentums gegen das Christentum beschließt von vornherein die Verteidigung einer bestimmten historischen Position in sich. Diese Aufgabe hebt sich mit dem vorrückenden Mittelalter von Jahrhundert zu Jahrhundert deutlicher ab: mit der Erweiterung der Diaspora, mit der Komplizierung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, mit dem steten Anwachsen des geschichtlichen Hintergrundes, mit der allmählichen Reifung eines kritischen Sinnes. Der mittelalterliche Jude hat mit seiner religiösen Lehre bereits die ganze Erbschaft der ihm vorausgegangenen Generationen und eine ganz bestimmte, komplizierte, geschichtlich bedingte Stellung zu verteidigen und zu klären. Es ist falsch, sich ihn von aller historischen Problematik unbeschwert zu denken. Dazu kommen die Einflüsse der jüdischen Prophetie und Eschatologie mit ihrem den historischen Willen und die historische Phantasie vorwärtstreibenden Inhalt. Nach ihren Maßstäben wird die reale Erscheinung der beiden Religionsgemeinschaften in Geschichte und Gegenwart gemessen. Der Ablauf der Weltgeschichte muß sich ihrem visionären Schema einfügen. Diesen Tendenzen verdanken die christlichen Weltchroniken ihre Entstehung, aus jüdischem Geist entstanden, mit klassischem Wissen und Pseudo-Wissen angefüllt, Vorläufer der modernen Weltgeschichten, häufig nichts anderem als dürftige Tabellen, die den religiösen Disputationen zur Unterlage dienen. Nach ihrem Vorbild ist auch eine bescheidene jüdische Chronistik entstanden, die in diesem Zusammenhang gewürdigt werden muß. Die Tatsache allein, daß die mittelalterlichen Juden weder eine wirkliche geschichtliche Darstellung noch eine von anderen Disziplinen losgelöste Geschichtsbetrachtung oder politische Theorie geschaffen haben, enthebt uns nicht der Verpflichtung, aus allen ihren zugänglichen Äußerungen die Elemente des historischen Bewußtseins mit ihren Grenzen und Möglichkeiten an das Tageslicht zu fördern. Abner aus Burgos steht im Lager derjenigen, die das Judentum verneint haben. Trotzdem wird sich aus seinen Schriften sehr Wesentliches zum Verständnis der Haltung der Treugebliebenen ergeben. Ich bin nicht in der Lage, jetzt schon Abschließendes darüber zu sagen. Viele Einzelfragen greifen über mein engeres Arbeitsgebiet hinaus. Es wird den Zwecken dieses Korrespondenzblattes nicht widersprechen, wenn ich mich unter Wahrung der hier üblichen Form darauf beschränke, die Ergebnisse meiner bisherigen Beschäftigung mit Abner mitzuteilen. So ist gleichzeitig eine bessere Grundlage für