Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 10 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2707513-2707532--428-2708000- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Abner aus Burgos Von FRITZ BAER. 1. Vorbemerkung. Abner aus Burgos (Alfonso von Valladolid) ist der einzige zum Christentum übergetretene Jude des Mittelalters, von dem wir einen umfangreichen literarischen Nachlaß besitzen. In Paris liegt sein fast siebenhundert Seiten zählendes Hauptwerk More Zedek (Mostrador de Justicia) in einer vielleicht von ihm selber besorgten kastilianischen Übersetzung des ursprünglich hebräisch abgefaßten Werkes. Eine hebräische Handschrift aus Parma, wahrscheinlich in Abners eigenem Kreise niedergeschrieben, enthält seine Polemik mit Isaak Pollegar1) und anderen zeitgenössischen Juden. In spanischen Bibliotheken liegen zwei kleinere theologische Schriften weniger bedeutenden Inhalts. Außerdem wird Abner in verschiedenen jüdischen und christlichen Werken, die im 14. und 15. Jahrhundert auf spanischem Boden entstanden, zitiert bzw. angegriffen, häufig unter Herübernahme größerer Ausschnitte aus seinen Werken. Das alles deutet schon auf eine Persönlichkeit, die zu ihrer Zeit außergewöhnliches Interesse erregte, und das Wenige, das bisher durch den Druck zugänglich war, gab allen Anlaß zu vermuten, daß es sich lohnen würde, die Entwicklung und Eigenart dieses Konvertiten näher zu studieren, der, wenn auch gewiß bedeutender als die meisten, doch als ein Typus für eine ganze Gruppe von Menschen zu gelten hat. Auch ließ sich erwarten, daß seine Schriften einen näheren Einblick in die mannigfaltigsten Zusammenhänge mehr als einer Generation jüdisch-spanischer Geschichte bieten würden. Auf Grund dieser Voraussetzungen, die sich vollauf bestätigt haben, konnte ich der Akademie den Antrag stellen, der Bearbeitung von Abners Schriften innerhalb unserer Publikation „Die Juden im christlichen Spanien" einen größeren Platz einzuräumen, und zwar innerhalb eines besonderen Bandes, der ausschließlich Texte und Untersuchungen zur religiösen Polemik enthalten soll. Diese geplante Ergänzung der beiden Urkunden-Bände darf hier vielleicht mit einem kurzen Wort begründet werden. Die religiöse Polemik zwischen Juden und Christen hat, wie alle mittelalterliche Publizistik, zugleich theologischen und politischen Charakter. Sie gehört dem Tageskampf und beleuchtet Personen und Zeitverhältnisse. Die Judenfrage ist zwar im Sinne des Mittelalters vorwiegend eine religiöse, *) So ist die Schreibung des Familiennamens mehrfach urkundlich überliefert.