Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 10 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 15)
- Language
- German
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Mendelssohns Begriff vom Judentum 13 Lehre als solcher und zweitens eine Kritik der Tatsache der Offenbarung, die diese Lehre spendet. Diese Reihenfolge hat kein logisches Recht, aber sie ist historisch. Die mittelalterliche Gleichsetzung von Vernunft- und Offenbarungswahrheiten gibt — im Prinzip mindestens — keiner den Erkenntnisquellen den Vorzug, die Vernunftwahrheiten bekommen ihn mit der heraufkommenden und dann selbstverständlich werdenden Überzeugung von der sich selbst genügenden Vernunft. Alle Offenbarungs w a h r h e i t muß sich dem Urteilsspruch der Vernunft unterwerfen, die keinen anderswoher kommenden Anspruch anerkennt: „Ich kann es nicht genug wiederholen, es kommt alles auf die logische Wahrheit der Lehre, nicht auf die historische Wahrheit der Gesandtschaft an." (An den Erbprinzen von Braunschweig.) Dieser Prüfung genügt das Judentum, das Christentum aber, wie am offensten dem Braunschweigischen Prinzen gegenüber ausgesprochen wird, nicht. Die Dreieinigkeit, die Menschwerdung einer Gottheit, das menschliche Leiden Christi, sein Opfertod widersprechen „den ersten Gründen der menschlichen Erkenntnis schnurstracks." Reimarus war konsequent gewesen, er hatte alle die Vernunft übersteigenden Wahrheitsansprüche und Wahrheitsinhalte abgelehnt, die vermeintlichen Wunder der Bibel natürlich enthüllt und einen reinen, religionsfeindlichen Deismus gefordert, wo Leibniz und Wolff etwa sich mit dem vermittelnden Begriff des Übernatürlichen gegenüber dem Widernatürlichen zu helfen suchten. Das Off enbarungs wunder erklärten sie — ebenso wie gewisse Dogmen, die als Inhalt der Offenbarung zu glauben waren — als ein Geschehnis, das von unserer Vernunft aus zwar nicht zu begreifen, dessen Unmöglichkeit aber ebenso nicht zu beweisen sei. Das Widervernünftige widerspricht aller Vernunft und kann also nicht sein, das Übervernünftige entzieht sich unserer Vernunft, ohne doch der göttlichen Vernunft und dem Inbegriff der ewigen Wahrheiten entgegengesetzt sein müssen. Diesen Ausweg, der nur auf Kosten der philosophischen Grundsätze möglich ist, braucht Mendelssohn nicht mitzumachen, weil gerade im Gegensatz dazu der Inhalt der jüdischen Religionsoffenbarung innerhalb der Grenzen des Vernünftigen bleibt. Der Gesetze gebende Gott ist natürlich kein Problem und gehört zu den rationalen Grundwahrheiten, und überhaupt: „Die Religion meiner Väter weiß, was die Hauptgrundsätze betrifft, nichts von solchen Geheimnissen, die wir glauben und begreifen müßten. Unsere Vernunft kann ganz gemächlich von den ersten sichern Grundbegriffen der menschlichen Erkenntnis ausgehen und versichert sein, am Ende die Religion auf eben dem Wege anzutreffen. Hier ist kein Kampf zwischen Religion und Vernunft, kein Aufruhr unsrer natürlichen Erkenntnis wider die unterdrückende Gewalt des Glaubens... Eigentlich hat die Religion der Israeliten nur drei Hauptgrundsätze: 1. Gott, 2. Vorsehung und 3. Gesetzgebung..." Und ähnlich, aber mit einer Wendung, die zeigt, wie Mendelssohn sich der philosophischen Bedeutung seines Begriffs vom Judentum bewußt war, in einem Brief an Elkan Herz vom 22. Juli 1771: „Wir haben keine Glaubenslehren, die gegen die Vernunft oder über dieselbe seien. Wir tun nichts mehr zu der natürlichen Religion