Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 10 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
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8 Fritz Bamberger an sich rein philosophisch, für ihn aber die Identität des Philosophischen und Jüdischen war. Das hatte inhaltlich tatsächlich keine Schwierigkeit. Die Ideen der allgemeinen Religion: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit ließen sich im Judentum wiederfinden, und der Weltbegriff Leibnizscher Ausgestaltung überhaupt mit der starken Betonung der Teleologie widersprach ihm so wenig, daß Leibniz selbst sich auf Maimonides berufen konnte. Die ästhetische Weltansicht, die nicht mehr sich in der Betrachtung einer universalen Zweckmäßigkeit erschöpfte, sondern psychologisch fundiert war und zu der Mendelssohns kunsttheoretische Aufsätze weitgehende Ansätze bieten, scheint weniger leicht jüdischer Auffassung zu entsprechen. Es ist bezeichnend, daß Mendelssohn die Gegensätze zwischen einer nur ästhetischen und der religiösen Haltung sieht und sie scharf ausspricht: Shaftesbury sei der Religion „gefährlich" — auch Lessing schrieb übrigens im 12. Literaturbrief: „Shaftesbury ist der gefährlichste Feind der Religion, weil er der feinste ista. Aber Shaftesbury und Mendelssohn sind nicht zu identifizieren: Mendelssohn macht weder des Engländers Pantheismus mit, noch forciert er den psychologischen Ästhetizismus bis zu dem inmoralistischen Standpunkt, den Shaftesbury manchmal herauskehrt. Vielleicht sogar ist Mendelssohns Judentum die hemmende Gewalt, die naheliegende Konsequenzen ästhetischer Gedankengänge ausläßt und subjektive Wendungen schließlich immer wieder zu Anschauungen zurückführt, die letztlich in Leibniz' Teleologie begründet sind1) und religiöse Schwierigkeiten nicht haben. Die Vieldeutigkeit des Begriffs der Vollkommenheit tut ein übriges. Die religiöse Stimmung geht dann leicht mit der ästhetischen zusammen, beide treffen sich in dem Gedanken des menschlichen Glücks, das ebenso Ziel menschlichen Strebens und Gegenstand des Schönen wie Geschenk göttlicher Güte ist. In dieser „idyllischen" Situation traf Mendelssohn der Bekehrungsversuch Lavaters und riß ihn in eine Bestürzung, deren Grund stark philosophischer Natur ist. Die Aufforderung des Schweizers stellte ihm ein Problem, das ihn nie mehr losgelassen hat und dessen Lösungsversuch sein Begriff des Judentums bildet. Lavaters Aufforderung war gewiß eine Zudringlichkeit und eine Indiskretion. Aber wäre sie nur das gewesen, dann hätte sie mit seiner Entschuldigung und der gegenseitigen Versicherung der Loyalität erledigt sein dürfen. Das Verhalten Lessings in der Sache ist seltsam erschienen und zuweilen kritisiert worden. Aber ist Lessings Stellungnahme nicht verständlich? Lessing bagatellisiert die Affäre, er zählt sie unter die große Reihe der Übergriffe und Überheblichkeiten, die die Bekenner einer bestimmten Religion sich immer herausnehmen, und begrüßt sie als Anlaß, der hoffentlich Mendelssohn bestimmen werde, aus seiner Reserve herauszugehen und der Orthodoxie gründlich die Wahrheit zu sagen: „Noch mehr aber bitte ich Sie, wenn Sie darauf antworten, x) Näheres dazu in meiner Einleitung zu Bd. 1 der Ges. Schriften, Jubiläumsausgabe, Akademie-Verlag Berlin, 1929, S. XXXIV ff.