Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 10 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Mendelssohns Begriff vom Judentum Von FRITZ BAMBERGER. Mendelssohns reformerische Einwirkung auf das Judentum ist unbezweifelbar stark und nachhaltig gewesen, doch ist sie gewiß nicht so vor sich gegangen, daß seine Ideen auf solche Reform (wie man sie auch verstehen mag) angelegt waren und nun in einem ihnen von Anfang an mitgegebenen Sinn gewirkt hätten. Mendelssohns Wirkung auf das Judentum ist praktischer, persönlicher Natur gewesen; auf diese Tatsache leitet leicht die unschwer zu machende Feststellung hin, daß Mendelssohns Begriff vom Judentum in den nachfolgenden Diskussionen über dessen Idee und Gestaltung keine wirkende Bedeutung hat. Ein Gedanke allein ist angenommen worden: der der Dogmenlosigkeit des Judentums, aber gerade dadurch, daß er aus einem organischen Zusammenhang von Ideen herausgenommen und für sich akzeptiert wurde, hat er einen Sinn bekommen, den er bei Mendelssohn nicht hatte. Wer Mendelssohns jüdische Leistung verstehen will, wird zuvor fragen müssen, warum Mendelssohns Theorie des Judentums, die er doch entwickelt hat, in ihr keine Rolle spielte. Die Antwort: Mendelssohns Begriff vom Judentum — den er hauptsächlich in seinem „Jerusalem" gab — ist in der Aufteilung und Bewertung der verschiedenen „Stücke" des Judentums paradox und befremdend, wenn er nicht gar falsch ist, weil er Wesentliches fortläßt, kann nur vorläufig genügen. An den Kern des Problems kommt man heran, wenn man fragt, wie Mendelssohn zu seinem Begriff kam und ob nicht darin, in der „Entstehung" dieses Begriffs, die Gründe liegen, die ihn unverwertbar für weiterführende theoretische Erörterungen, aber auch unbrauchbar für die Auseinandersetzungen, die der religiösen Praxis wegen entstanden, machten. Schon die Art der zeitgenössischen Wirkung des „Jerusalem" ist aufschlußreich für die Bedeutung, d. h. die Stellung der Mendelssohnschen Theorie, auf die wir, wie gesagt, mehr als auf ihre Richtigkeit sehen wollen. Der „Jerusalem", der 1783 erschien, zerfällt in zwei Teile; er gibt im erstem eine tiefgehende Staats- und kirchenrechtliche Untersuchung über das Gesetz und den Zwang, die Staat und Kirche auferlegen, er grenzt in noch heute klassischer Weise den Anspruch des Staats und der Kirche gegeneinander und gegen das Selbstbestimmungsrecht des Individuums ab und ist im ganzen eine wohlbegründete Verteidigung des menschlichen Rechtes auf weitestgehende