Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 9 (1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 26)
- Language
- German
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24 Gerhard Scholem gekehrt aber läßt sich gegen eine wirklich enge Berührung das Ergebnis unserer Untersuchung der in der Provence entstandenen Texte anführen, Die Elemente, die man am sichersten als erst dort in die Kabbala hineingekommen bezeichnen kann, sind ja gerade, wie gezeigt wurde, die philosophischen, und das in den Jahrzehnten der relativ stärksten Kraftentfaltung des Manichäismus in Südfrankreich. Dies spricht deutlich dafür, daß die Hauptrichtung der kabbalistischen Bewegung in der Provence mehr oder weniger stark von der Gnosis hinwegführt, auch wenn man annimmt, ohne es beweisen zu können, daß Nebenströmungen auch in der Provence noch neue gnostische Einflüsse aufgenommen haben. So also führt uns die historische und philologische Analyse in den Orient zurück. Wir sehen, daß die Kabbala, noch bevor sie in Berührungen mit der jüdischen Scholastik und dem Neuplatonismus trat, in verschiedenen Gestalten, also wohl auch in verschiedenen Konventikeln, als eine eigenartige Form jüdischer Gnosis existiert hat. Die Kluft zwischen dein Abklingen der Hechaloth- Mystik und dem Auftauchen der Kabbala wird von einer rein religiösen Entwicklung aufgefüllt, die unter starker Benutzung und Verwandlung der haggadischen Materialien zwischen 900 und 1200 die Grundlagen der klassischen Kabbala herausgebildet hat. Diese „prähistorische" Kabbala hat nicht nur das Erbe der älteren Bewegung angetreten, ihre Gedanken umgeformt, aber auch Traditionen aus dem Zusammenhang der Merkaba-Mystik, die sich in unseren Hechaloth-Texten nicht mehr finden, unverändert erhalten — sie hat auch vor allem, sei es durch ältere jüdische Kreise, sei es durch Berührung mit nichtjüdischen späten Strömungen, wie wir sie ja noch bis ins 10. Jahrhundert besonders in Syrien und Mesopotamien finden, unmittelbaren historischen Zusammenhang mit Formen der Gnosis bewahrt, die sonst im Judentum scheinbar völlig untergegangen sind, vor allem der Aeonenspekulation. Alte Mythologeme, die der Gnosis entstammten, wurden judaisiert. Aus der gnostischen wurde eine jüdische Aeonenlehre, die sich in verschiedenen Gestalten niedergeschlagen hat. Denn neben dem Sephiroth-Schema erscheinen Umarbeitungen der Sehiur-koma-Mystik im Sinne solcher Aeonenspekulation, die ein anderes Schema voraussetzen. Ist auch in den Texten, in denen uns diese Spekulationen vorliegen: den Idroth des Sohar, das Verhältnis beider Symbolschemata ganz verworren, kann es doch nicht zweifelhaft sein, daß sie ursprünglich gar nichts miteinander zu tun hatten, sondern parallele Versuche sind, eine jüdisch gesehene Aeonenmystik zu geben. Noch in der späten Bearbeitung der Idroth springt ja die Verwandtschaft dieser zügellosen gnostischen Phantastik mit der mehr als 1000 Jahre älteren Pistis Sophia in die Augen. In nicht wenigen dieser ältesten kabbalistischen Anschauungen scheint auch in ihrer uns vorliegenden Formulierung eine ursprünglich häretische Richtung noch hindurch. Nicht ganz unversehrt scheinen die ältesten Kabbalisten aus dem „Paradies" der Gnosis auf den Boden des Judentums heimgekehrt zu sein! In vielen Details ist auch die Terminologie der Gnosis genau übernommen worden. Ob in die