Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 9 (1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 24)
- Language
- German
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22 Gerhard Scholen Sammler gefunden hat, und man würde sich in der Tat nicht wundem, ihn in einem Dokument später syrischer Gnosis zu lesen. Aber selbst Traditionen ia diesen Traktaten, die nicht expressis verbis orientalischen Ursprung angeben, beweisen ihn durch ihren Inhalt. Hier werden die Emanationen der dämonischen Mächte, die Aeonen der linken Weltseite, Fragen des Ursprungs der Seelen und anderes in einer Weise behandelt, die von philosophischer Gedankenbildung schlechterdings gar nichts, von bloßer philosophischer Terminologie nur ein Minimum enthält, deren rein gnostischen Charakter aber der Leser mit Ueberraschung konstatiert! Hier werden in jüdische Formen gekleidete gnostische Mythologien über die Vorgänge in den „finsteren Emanationen" und ihren Aeonen vorgetragen, im Anschluß an die im Midrasch bezeugte Vorstellung von den 7 er störten Urwelten. Gerade hier ist die Aeonenterminologie der Gnosis unverfälscht bewahrt; hier auch tauchen plötzlich, in mittelalterlich-jüdischem Umkreis völlig rätselhaft, die sieben Archonten der Planeten als Emanationen der linken Seite auf, in einer Form freilich, die zeigt, daß die Vorstellung, eine der zentralsten der Gnosis, schon im Verblassen ist. In einem anderen Text werden Aeonen- und Archontenreihen im Zusammenhang mit den Namen der hebräischen Vokale und Akzente aufgezählt, die sich nur sehr künstlich in das klassische Sephiroth-Schema einreihen lassen, vielmehr wohl Emanationen niederer Ordnung darstellen. Offenbar liegen hier Dokumente vor, die ganz auf dem Boden einer jüdisch-gnostischen Sprachmystik entstanden sind, und die sich in der uns erhaltenen Form durch eine extreme apokalyptische Haltung auszeichnen. Einzelne Phrasen, die neuplatonischen Geist atmen könnten, bleiben rein äußerlich, w7ohl Zusätze provenzalischer Redaktoren, und es ist sehr schwer zu glauben, daß diese Dinge ursprünglich auf europäischem Boden sich entwickelt haben sollen. Verwandten Geist zeigen aus Narbonne überlieferte Traditionen über die „Schatzhäuser der Seelen". All diese Texte haben mit der alleren Hechalothmystik, w7enn auch in anderen Formen, sowohl einen gewissen unvergleichlich feierlichen Stil wie auch vor allem das Bestreben gemeinsam, all die Wesenheiten, die hier aus verschiedenen Welten beschrieben werden, mit Eigennamen zu benennen. So tragen ja auch im Schiur Koma die Glieder des Gottes Mensch mystische Eigennamen. Die anderen Richtungen der Kabbala kennen diese orientalisch anmutende Eigenart nicht, und merkwürdigerweise bleiben auch in diesen Traktaten die zehn Sephiroth allein ohne solche Namen. Die Angabe der Tradenten der Lehre von den finsteren Emanationen oder „Sephiroth der linken Seite" (die derartige Eigennamen haben), daß diese Lehre eine besonders geheime selbständige Ueberlieferung gewesen und nur in wenigen Kreisen gepflegt worden sei, verdient durchaus Glauben. Es scheint nun, daß in der Provence und später auch in Spanien eine kleine Zahl von Kabbalisten auf Grund einer älteren Strömung auch ihrerseits diese Tendenzen weiter ausgebildet haben. Aber gerade der Vergleich solcher späteren Schriften mit den ersten Texten dieser Art, wie sie bei Isaak Kohen stehen, zeigt ihre große Differenz. In den Nachahmungen fehlt völlig ein ursprünglich mytho-