Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 9 (1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 20)
- Language
- German
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18 Gerhard Scholem IV. In der Tat: eine ganz andere Physiognomie als im Bahir hat die Kabbala in den Schriften, an deren provenzalischem Ursprung kein Zweifel bestehen kann, bei Isaak dem Blinden und dem Ijun-Kreis. Hier tritt uns ein ganz anderes Stadium der Kabbala entgegen. Das wichtigste Resultat ihrer Untersuchung ist, daß hier sich die Einbruchs stellen neuplatonischen Denkens in die ältere, prähistorische Kabbala mit Sicherheit nachweisen lassen. Mit ihnen beginnt der tiefe und für die innere Geschichte des Judentums so folgenreiche Prozeß, der als das zweite Stadium der Entwicklung der Kabbala angesprochen werden muß: die Ueberführung der Kabbala aus der Welt der Gnosis in die des Neuplatonismus, der Versuch einer Synthese der alten, so stark in mythologischen Formen verlaufenden Strömungen mit den so grundverschiedenen der Scholastik, als dessen Resultat die Bildung einer eigentlichen mystischen Theologie des Judentums anzusehen ist. Von Bedeutung sind vor allem die zehn bis fünfzehn an Umfang durchweg sehr geringen Pseudepigraphen des Ijun-Kreis es, die jedes einem andern Autor beigelegt werden, ohne daß übrigens die wirklichen Autoren diese Fiktion besonders ernst genommen zu haben scheinen. Hierher gehören Maajan chokhma des Mose (!), Ijun des Rab Chammai, das Einheitsgebet des Nechunja ben Hakana, das Gebet Rabban Gamliels, der Midrasch des Simon ha-Zaddik, das Sefer habittachon des Juda ben Bathyra, die Liste der 32 mystischen Intelligenzen oder Wege der Weisheit u. a. m., sowie eine ganze Anzahl dem Haj Gaon untergeschobener Texte, die sicher hierher gehören. Diese Schriften, in einem merkwürdigen enthusiastischen, nicht selten aber auch unverständlichen Stil geschrieben, haben zwar eine gemeinsame Sprache, aber keinen gemeinsamen Autor. Sie sind sicher in einem eng verbundenen Kreise von Mystikern entstanden, auf deren kabbalistische Gedanken Saadjas Jezira-Kommentar und in ganz anderer Weise der Neuplatonismus eingewirkt haben. Hier zuerst finden sich prinzipielle Formulierungen neuplatonischer Positionen, mit denen eine Umformung der Sephiroth-Vorstellung und deren schärfere Bestimmung im Sinn der neuplatonischen Emanationslehre vorbereitet wird. Hier ist ein breiter Strom eindeutig neuplatonischer Terminologie eingedrungen, die sich mit der kabbalistischen vereinigt, ja ihr auch neue mystische Symbole schenkt. Besonders fällt eine sehr komplizierte Lichtmystik auf, die übrigens in den verschiedenen Texten verschieden ist, wie sie Cl. Bäumkers klassische Darstellung im „Witeio" uns im Zusammenhang der neuplatonischen Bewegung verstehen gelehrt hat. Bahir weiß nichts von ihr. Einige dieser Texte enthalten auch die ersten nachweisbaren Spuren eines Einflusses spezifisch Gabirolscher Gedanken auf die Kabbalisten (der Wille als göttliches Wort u. a. m.). All dies kann hier nicht im Detail dargelegt werden. Die seltsame Tatsache, daß gerade die Schriften dieser Gruppe bei Grätz oder Neumark gar keine Rolle spielen, erklärt sich vielleicht aus der Unsicherheit, in der man sich bisher über ihre Datierung befand. Zwischen dem Jezira^