Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 9 (1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 19)
- Language
- German
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Zur Frage der Entstehung der Kabbala 17 Werken des Elasar von Worms finden sich doch mehr Berührungen mit Bahir, als Groß, der einzige Forscher, der sie daraufhin untersucht hat, zugeben wollte, darunter seltsame magische Stücke, deren gemeinsame Quelle wieder mit Sicherheit in den Orient zurückführt. Die Verbindung der Jezira-Stücke mit Magie, die Golem-Spekulation eines anderen Fragmentes, hängt sicher mit der der deutschen Chassidim zusammen, bei denen allein diese Dinge eine große Rolle gespielt haben. Ja, Efraim ben Simson, ein Zeitgenosse des Elasar von Worms und Anhänger dieser Richtung, zitiert eine Bahir-Stelle, die in unsern Rezensionen von Sephiroth, bei ihm aber über Gottesnamen ganz im Sinne des deutschen Chassidismus handelt. Entweder also ist diese Stelle in unserer Rezension ursprünglich und erst von den deutschen Chassidim in dem Text, der ihnen zugekommen ist, umgearbeitet worden, oder Efraim ben Simsons Text ist der ältere; dann ist die Stelle erst in Deutschland entstanden. Die Tradition der Kabbalisten wird auf jeden Fall hierdurch bestätigt. Es muß also, da ja für einen Ursprung der Kabbala in Deutschland selbst nichts spricht und vieles dagegen, geschlossen werden, daß Wellen dieser Bewegung in der Tat aus einem andern Land auch in eine Unterströmung des deutschen Chassidismus gelangt sind. Ja, hier hat sich vielleicht auch die erste Begegnung der Kabbala mit dem Neuplatonismus abgespielt, bevor sie sich noch in andern Zirkeln nachweisen läßt, eine Begegnung freilich, die für ihre Geschichte vorerst ohne Folgen geblieben ist. Seit der Veröffentlichung von Abraham bar Chijas Megillath ha-Megalle ist der exakte Nachweis möglich, daß die Vier weit enlehre der deutschen Chassidim, die schon in Schriften aus dem 12. Jahrhundert in einer offensichtlich korrumpierten und verfallenen Form auftritt, nichts ist als die mythisierende Umbildung einer Lehre, die in dem genannten Werk am Anfang des 12. Jahrhunderts als „Meinungen der Philosophen" angeführt wird und die sich in dieser unverbildeten Form als zweifellos neuplatonisehen Charakters erweist. So gut wie sicher ist, daß beide Traditionen voneinander unabhängig sind, demnach also spätestens im 11. Jahrhundert neuplatonische Lehren aus einer beiden Zeugen gemeinsamen Quelle nach Deutschland gelangt sind, die sich dort mit der Gnosis der Hechaloth usw. verbanden, aber nicht wie in der klassischen Kabbala sie umzugestalten vermochten, vielmehr hier von ihr umgestaltet wurden. Die Differenzen zwischen der „deutschen" und der „sefardisch-provenzalisehen" Kabbala wird man daher wohl nicht mehr in der bisher üblichen Schärfe betonen dürfen. Ob aber Bahir bzw. seine älteren Schichten aus dem Orient stammen oder etwa aus der Provence selbst, würde sich durch eine Ausschließung einer der beiden Möglichkeiten (die nach der Sachlage allein in Betracht kommen) entscheiden lassen, falls sie herbeiführbar wäre. Hierzu wird am besten die positive Leistung der Provence in der Geschichte der Anfänge der Kabbala analysiert werden.