Mannheim
Compact Memory

Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums · 1928-01-01 · 9 (1928) · p. Seite 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
Volume
9 (1928)
Date
1928-01-01
Page
Seite 16 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2707513-2707534--361-2707932
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

16 Gerhard Scholem Bahir in einem sehr merkwürdigen alten Gleichnis niedergelegt ist, der jüdisehgnostischen Umarbeitung eines talmudischen Gleichnisses. Daß das Buch erst um 1200 entstanden ist, muß als ausgeschlossen gelten. Es setzt schon innerhalb der kabbalistischen Bewegung eine längere Entwicklung voraus, die sich sowohl an die uns bekannten älteren wie auch an selbständig nicht mehr bezeugte Quellen jüdischer Gnosis angeschlossen hat — nicht aber an philosophische Bewegungen. Der auffällig illiterate Charakter des Buches, der überaus schlechte und unbeholfene Stil gewisser Teile auch in den besten Handschriften, die geradezu phantastisch schlechte Redaktion der Sammlung, die durch die spätere Ueberlieferungsgeschichte keinesfalls zu erklären ist, lassen vermuten, daß die Träger der Bewegung in ihrer „prähistorischen" Zeit nicht gerade unter den „Häuptern des Volkes" zu finden waren, was ja auch bei Bewegungen dieses Charakters nicht überraschen kann, die sich oft ganz im Verborgenen abgespielt haben. Ja, wir haben Grund zu der Annahme, daß der Bahir ursprünglich anders aussah als die uns vorliegende provenzalische Rezension. Unser Text bricht mehrfach in der Mitte ab, bei einem alten Autor haben wir ein Stück, das eigenartig von unserem Texte abweicht, und ein Gegner der Mystik, Meir ben Simon aus Narbonne, las noch um 1240 im Bahir stark häretische Aeußerungen, die wir dort nicht mehr vor uns haben, so daß es scheint, als ob hier eine Selbstzensur der Kabbalisten stattgefunden hat, welche Stellen, die der Polemik allzu offene Angriffsflächen boten, entfernte. Und in der Tat erhält noch heute ein unbefangener Leser dieser Schrift den Eindruck einer durchaus häretischen Einstellung vieler Fragmente. Dies ist wichtig, denn sollte etwa die kabbalistische Geheimlehre ursprünglich noch häretischen Anstrich gehabt haben, so würde das die oben ausgesprochenen Vermutungen über den ursprünglichen Kreis ihrer Anhänger bestärken. Unmöglich kann ja die mythische Rede, die hier an manchen Stellen von der Gottheit geht, erst in dem Zeitalter einer klassischen Theologie entstanden sein, sei es selbst als Reaktionserscheinung. Tatsächlich hat kein Kabbaiist nach 1200, dessen Schriften wir kennen, Aeußerungen der Art gewagt, wie sie in den älteren Schichten des Bahir aufbewahrt sind, so z. B., daß „Gottes Kräfte übereinander gelagert liegen wie ein Baum", oder die Rede von den „sieben heiligen Formen Gottes". Nach einer bis 1250 hinaufführbaren Tradition der provenzalischen Kabbalisten ist ihnen dieses Buch in, wie sie durchaus richtig sagen, fragmentarischer Form aus den Kreisen der deutschen Chassidim zugekommen, die es ihrerseits aus dem Orient, aus Palästina, erhalten hätten. Die Glaubwürdigkeit dieser bestimmten Angabe wird, im Lichte unserer Feststellungen, nicht mehr ohne weiteres wie bisher geleugnet werden können. Sehr frühe Beziehungen der provenzalischen zu den deutschen Chassidim sind erweisbar. Und manches im Bahir, dessen größter Teil ja in der Tat auf die Annahme orientalischen Ursprungs hindrängt, weist nach Deutschland. Die Gebetsmystik, die nur erst ganz andeutend hervortritt, könnte dorther kommen; in den handschriftlichen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.