Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 9 (1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 16)
- Language
- German
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14 Gerhard Scholem die schon den alten Kabbalisten unverständlich waren und die sonst späterhin nie mehr vorkommen oder eine andere Bedeutung erhalten haben als im Bahir. So stehen hier unmittelbar nebeneinander eine rein mythologische Ausführung über den Weltenbaum, der „All" heißt, ein sehr altes, nur erst leicht judaisiertes gnostisches Fragment, und eine Umdeutung dieses Mythos ins kabbalistische Symbolschema, die aber in offenem Widerspruch zu seiner ursprünglichen Intention steht. Im Anschluß an Dt. XXXIII, 23 findet sich eine Ausführung über die göttliche Fülle, die nur verständlich ist, wenn man erkennt, daß hier der verbreitete gnostische Begriff des „Pleroma", der „Fülle", der in vielen Systemen die Welt der mystischen Urwesen und göttlichen Emanationen bezeichnet, in wörtlicher hebräischer Uebersetzung gebraucht wird. Dieser Terminus kommt sonst in der kabbalistischen Literatur nicht mehr vor. Unter den Gleichnissen, die dem Buch einen besonders rätselhaften Charakter geben, weil sie manchmal eher Paradoxe als Gleichnisse zu sein scheinen, und die sich von denen aller anderen kabbalistischen Schriften, auch denen des Sohar, durch diesen Charakter sehr unterscheiden, sind auch solche, die sofort auf hohes Alter hinweisen, so, wenn die Geschwisterehe in Königshäusern in einem Gleichnis benutzt, also aus der historischen Welt als bekanntes Faktum vorausgesetzt wird. Dies würde nach Aegypten oder Persien weisen. All solche Stellen beweisen mit Sicherheit mindestens, daß bis in die Kreise jener frühen Kabbalisten, die Bahir zusammengestellt haben, noch Fragmente alter hebräischer Schriften gedrungen sind, in denen sich gnostisches Gut speziell der Aeonenlehre, das die „gaonäische" Gnosis, wie wir sahen, nicht in sich aufgenommen hat, dennoch in jüdischen Adaptierungen erhalten hat. In einer anderen Schicht des Buches läßt sich sowohl die Umsetzung gnostischer Termini in kabbalistische verfolgen wie auch die Entstehung neuer aus einem Hypostasierungsprozeß, der aus verwandten Voraussetzungen heraus das Verfahren derGnostiker reproduziert. Zentrale Begriffe gerade aus der gnostischen Aeonenspekulation kehren wieder, die „Weltenmutter", die „Buße", die „Wahrheit', die Ennoia (Uridee), der himmlische Mensch, und am auffälligsten vielleicht die doppelte Sophia — sie alle sind Namen von Aeonen im Pleroma ebensogut wie Namen der göttlichen „Kräfte" (schon in griechischen gnostischen Texten sind Kräfte und Aeonen oft nur Synonyma!), die Bahir schon als ganz geläufige und keiner Erklärung bedürftige Termini benutzt. Zum Teil wird auch noch erkennbar, wie sich verschiedene Motivketten (Edelsteinsymbolik, Tochtersymbolik u. a. m.) in einer neuen Konzeption zusammenschließen. Besonders deutlich wird das für die letzte Sephira, die, wenn auch zum Teil in ganz anderer Richtung, eine ebenso überragende Rolle in der Sephiroth-Welt spielt wie der unterste Aeon im Pleroma — nicht umsonst heißen beide mit dem gleichen Namen „untere Sophia". Bahir benutzt die Literatur der Hechaloth und verwandte Quellen, es kennt in mehreren Teilen das Buch Jezira, und beide werden hier dem gleichen Mythisierungsprozeß unterworfen, der ihren Inhalt zu kabbalistischen Formeln macht und sie von einer neuen mystischen Wirklichkeit zeugen läßt, an die sie