Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 9 (1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 15)
- Language
- German
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Zur Frage der Entstehung der Kabhala 18 wird. Das einheitliche Interesse all dieser alten Kabbalisten richtet sich auf die Beschreibung jener mystischen Wirklichkeitssphäre, die in der symbolischen Deutung der heiligen Schriften am deutlichsten geliefert werden kann, aber auch in anderen Wegen möglich ist, und auf die Begründung der kosmischen Bedeutung des Ritualgesetzes aus dieser inneren Konstitution der Welt. Jenseits dieser den besonderen Charakter der Kabbala konstituierenden Auffassung ist eine allen kabbalistischen Schriften gemeinsame wirkliche Lehrmeinung nur in der Psychologie zu erkennen: die Seelen Wanderungslehre. Zwei Resultate sind es, die mit Sicherheit aus einer Analyse dieser Literatur hervorgehen: erstens die Erkenntnis, daß schon die „erste" Generation der Kabbala im Besitz der ausgebildeten Symbolik ist, die doch angeblich erst im 13. Jahrhundert sich langsam entwickelt haben soll; zweitens die entschiedene Abwesenheit eines philosophischen Interesses an systematischen Konzeptionen in einer großen Zahl dieser Schriften, darunter gerade bei den ältesten. An wenigstens einigen von ihnen sei dieser Sachverhalt und die anderen sich aus ihrer Analyse ergebenden wichtigen Konsequenzen näher erläutert. Wohl der älteste kabbalistische Text, den wir besitzen, ist das Buch Bahir, ein pseudepigraphischer Midrasch, den Isaak der Blinde und sein Kreis, wie Zitate bei ihm und anderen beweisen, schon vor sich hatten. Ganz mit Unrecht ist dieses Buch der Schule Isaaks zugeschrieben worden, wie ein Vergleich mit deren authentischen Texten einwandfrei zeigt. Der Bahir ist zwar in der Provence um 1200 zuerst publiziert worden — in welcher Textrezension, können wir nicht einmal mit Bestimmtheit sagen — aber sein Inhalt erlaubt nicht, von einer Periode seiner Entstehung zu sprechen. Oft ist dies schwierige und dunkle Buch in einer Weise interpretiert worden, die der Religionshistoriker nur mit Kopfschütteln liest. Man suchte hier ein spekulatives System nachzuweisen, ein bestimmtes einheitliches Weltbild philosophisch mystischer Natur, das nur künstlich in einer mythologischen und homiletischen Form verschleiert worden sei. In Wirklichkeit aber ist dies Buch durchaus, was es scheint. Die Literarform des Midrasch ist nicht etwa künstlich von einem „Autor" dem Buch gegeben worden, der in ihr seine Spekulationen theoretischer Art verstecken wollte, sondern hier liegt in der Tat ein Jalkut mystischer Dicta aus ganz verschiedenen Zeiten und Quellen vor, ein trotz der pseudepigraphischen Form (mit der er an die Pirke Rabbi Elieser und andere Werke anknüpft) „echter" Midrasch. Ein System des Bahir existiert nicht, da ganz verschiedene Schichten sich in ihm nachweisen lassen. Und zwar zeigt das Buch nicht nur schon die ausgebildete klassische Sephiroth-Symbolik und wendet dies kabbalistische Relationsschema auf die Deutung der Bibel und der Haggada an, sondern es sind darin auch nicht wenige Rudimente älterer Entwicklungsstadien und Quellen der Kabbala erhalten geblieben. Gerade sie aber führen uns wieder auf den Boden der Gnosis zurück. Das Buch enthält in entschieden gnostischer Form alte Mythologeme, die ganz unabhängig von den an sie geknüpften kabbalistischen Entwicklungen bestehen; es kennt mystische Termini,