Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 9 (1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
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8 Gerhard Scholem weisen. Und doch ist dieser Ansatz nicht zu halten. Er ist besonders durch einen Grätzschen Aufsatz unterstützt worden, in dem ein entscheidender Einfluß islamitischer Sekten auf die Bewegung nachzuweisen versucht ist, ohne daß freilich diesem Beweis heute für einen religionsgeschichtlich orientierten Leser noch Stringenz zukäme. Denn das erwähnte Schrifttum — zu dem in gewisser Weise auch noch das Buch Jezira zu rechnen ist — und das der damit eng zusammenhängenden Magie, von dem nicht wenig noch in Handschriften ruht, weist, worauf schon L. Ginzberg IS achdruck gelegt hat, entschiedene Beziehungen zur spätjüdischen Apokalyptik sowie zum hellenistischen Synkretismus auf. Für die vorliegende Frage ist besonders das letztere sehr wichtig. Es ist, besitzt man keine besonderen Gründe zu solcher Annahme (und es gibt keine), religionsgeschichtlich absurd zu glauben, daß Texte, deren Uebereinstimmung mit gnostischen Anschauungen in sehr wesentlichen Details evident ist, und die in ihrer literarischen Form zum Teil noch die unmittelbare Erbschaft der Apokalyptik der tannaitischen Periode an sich tragen, eine Bewegung bezeugen sollen, die erst 500 Jahre nach dieser Zeit spielt. Der Religionshistoriker ist berechtigt, diese Bewegung als einen der jüdischen Zweige der Gnosis zu betrachten. Treffen doch auf die Hechaloth-Mystik genau die Charakteristika der Gnosis zu: der Besitz einer Erkenntnis, die nicht durch gewöhnliche intellektuelle Mittel, sondern nur auf dem Wege einer Offenbarung und mystischen Erleuchtung zu gewinnen ist, der Besitz einer Geheimlehre von der Ordnung der oberen Welten und die Kenntnis der magischen und liturgischen Mittel, die den Zutritt zu ihnen eröffnen. Ja, die zuerst von Anz als eigentliche Zentrallehrc des Gnostizismus erklärte methodische Anweisung zum Aufstieg der Seele von der Erde durch die Sphären der feindlichen Planetenengel bis zu ihrer göttlichen Heimat — eben das war ersichtlich auch das ursprüngliche Zentrum der Merkaba-Mystik, wie sie in den Hechaloth niedergelegt ist, nur daß die Rolle der heidnischen Planetenengel hier von anderen Archonten übernommen wird, die — ganz im Sinne uns erhaltener gnostischer Schriften — an den Toren der himmlischen Paläste dem Himmelswanderer feindlich entgegentreten und nur durch den Vor weis magischer „Siegel", die Rezitation von Hymnen und Gebeten und dergleichen überwunden werden können. So bezeugen diese Texte einwandfrei eine Gnosis, die freilich hier, auf dem Boden des Judentums, ihres sonst so hervortretenden dualistisch-häretischen Charakters entkleidet worden ist. Ausgeschieden ist hier begreiflicherweise die antinomistische Demiurgos-Spekulation, die freilich in einer Umbiegung, die ihre religiöse Anstößigkeit zu beseitigen suchte, auf die Entwicklung der Metatron- Mystik Einfluß gewonnen zu haben scheint. Der Thron Gottes ist hier in jüdischer Terminologie die Heimat der Seele, bei ihm endet der Aufstieg des Ekstatikers. Die Welt der Merkaba, in die der jüdische Mystiker „hinabsteigt", ist eng verwandt mit dem Pleroma der griechischen Texte. Wenn damit nun die Existenz einer in jüdischen Formen sich entfaltenden Abart der Gnosis schon etwa für das dritte und vierte Jahrhundert behauptet wird, die also mit