Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 9 (1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 9)
- Language
- German
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Zur Frage der Entstehung der Kabbala 7 noch in ihrer Auseinandersetzung mit der Philosophie. Der Versuch, eine mehr oder weniger unmittelbar erfahrene religiöse Wirklichkeit zur Sprache zu bringen, und sei es manchmal selbst die der Scholastik, gehört rechtmäßig allein dem Bereich der Religionsgeschichte an und ist mit ihren Methoden zu beschreiben. Wie bedeutungsvoll diese allgemein genug scheinende Voraussetzung sich in den Details auswirkt, hätte eine Geschichte der jüdischen Mystik positiv zu erweisen. So wird denn auch hier von den bei Neumark für die Entstehung der Kabbala in Anspruch genommenen Instanzen fast gar nicht die Rede sein (und jedenfalls in ganz anderen als den von ihm gezeigten Perspektiven) um so mehr aber von Argumenten, die man bei ihm oder Grätz vergeblich sucht. Schon die Untersuchung der wirklichen Zeitfolge der älteren kabbalistischen Schriften und der in ihnen nachweisbaren kabbalistischen Vorstellungen drängt die Forschung in andere Bahnen. Die Geschichte der mystischen Terminologie, von Neumark zugunsten allgemeiner Ideen vernachlässigt, liefert den echten Wegweiser, an dem sich die Forschung zu orientieren hat, und ihre Untersuchung hat den größten Anteil an der Ausbildung der hier vertretenen Anschauung gehabt, einen größeren als sich hier, wo nur wenige Einzelfragen erörtert werden können, wird sichtbar machen lassen. II. Als natürliche Ausgangspunkte bieten sich einer Untersuchung der Entstehung der Kabbala ungezwungen zwei Fragestellungen dar. Welches war der Zustand der jüdischen Mystik vor dem Auftauchen der Kabbala? sowie: Welches war der Zustand der Kabbala in der Generation, in der sie ans Licht der Geschichte trat, am Anfang des 13. Jahrhunderts? Aus der durchaus möglichen Beantwortung dieser Fragen und derer, die sich aus ihnen ergeben, lassen sich wichtige Schlüsse ziehen. Die Existenz einer älteren mystischen Bewegung, die man in die gaonäische Periode zu versetzen pflegt, ist unbestritten, und eine breite Literatur legt Zeugnis von ihr ab. Die Hechaloth- und Merkaba-Mystik: Anweisungen zur Erlangung ekstatischer Schau und Schilderungen der Wanderungen des Ekstatikers durch die himmlischen Regionen der Merkaba, der Thronwelt (Rottes; mit ihr in enger Verbindung die Metatron-Mystik: die Offenbarungen Metatrons, des unter die höchsten Engel, ja über sie, erhobenen Henoch, über himmlische Dinge und kosmische Geheimnisse, die Schiur-koma-Mystik, die das „Körpermaß", nämlich der Gottheit oder des himmlischen Urmenschen, überliefert — all diese Strömungen sind durch die verschiedensten Rezensionen ihnen gewidmeter Texte vertreten. Daß diese Bewegung im wesentlichen ein Produkt der gaonäischen Periode (etwa zwischen 600 und 1000) sei, wird von den Gelehrten, die sie im übrigen sehr stiefmütterlich behandelt haben, fast mit einem consensus omnium behauptet. Die späte Bezeugung in gaonäischen Responsen, manche Details in Sprache und Inhalt schienen auf diese Epoche hinzu-