Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 9 (1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
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Zur Frage der Entstehung der Kabbala schichte oder über die Tradition" und in ganz anderer Art den theologischen Schriften Benamozeghs — sind durch diesen Mangel die größten Schäden entstanden. Sieht man von Theorien ab, die die kabbalistischen Lehren bis ins Altertum zurückführen und die in der Form, in der sie bisher, z. B. in Francks vielgelesenem Buch „Die Kabbala", vertreten worden sind, wissenschaftlich nicht mehr diskutiert werden können, so sind es besonders zwei Auffassungen von der Entstehung der Kabbala, die, von eingehenden Begründungen getragen, starken Einfluß ausgeübt haben: die Grätz' und die Neumarks. Beide gehen methodisch von der Frage nach der Art der Beziehung der Kabbala zur jüdischen Philosophie des Mittelalters aus, in deren Zusammenhang sie, jeder in seiner Weise, die Kabbala hineinstellen. Beide begegnen sich in der streng rationalistischen Wertung, d. h. aber Verwerfung der Rolle, welche die Kabbala in solchem Zusammenhang spielt (ohne daß ein anderer deutlich würde), womit die Interesselosigkeit, ja mitunter geradezu Verständnislosigkeit zusammenhängen mag, mit der beide den spezifisch religiösen Anliegen, die in der Kabbala Ausdruck gefunden haben, gegenüberstehen. Grätz hält sie für ein Produkt der Reaktion auf den radikalen Rationalismus der Maimunisten, entstanden in der Provence am Anfang des 13. Jahrhunderts, also zugleich mit ihrem historischen Hervortreten. In der Zeit von 1200 bis 1300 ist das gesamte klassische Schrifttum der Kabbala entstanden, deren Lehren, aus überhitzten Phantastenköpfen entsprungen, unjüdischen Charakters sind. Eine historische Kontinuität zwischen der Kabbala und den älteren mystischen Bewegungen im Judentum besteht nicht, nur rein literarisch haben sie mit ihren groben Anthropomorphismen die symbolischen Deutungen der Kabbalisten angeregt. Daß deren Gedanken doch älteres Gut enthalten könnten, deutet Grätz zwar mehrfach als Möglichkeit an, ohne ihr aber im einzelnen nachzugehen. Neumark, in seiner „Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters", wiederum billigt der Kabbala ein höheres Alter zu, indem er in ihr ein Produkt der inneren Dialektik des Prozesses der jüdischen Philosophie sieht. Sie ist ganz im Gegensatz zu Grätz das Ergebnis eines durchaus innerjüdischen Prozesses, nämlich das einer Mythisierung philosophischer Konzeptionen. Er geht davon aus, daß der Ausgangspunkt der philosophischen Bewegung im Judentum, der nach ihm in der Bereschith- und Merkaba-Spekulation des Talmud und ihrem gegenseitigen Kampf liegen soll, zugleich auch der Ausgangspunkt einer rückläufigen Bewegung, eben der Kabbala, war, die auf diese Weise eine „latente Parallele" zur Philosophie darstellt. „Die Philosophen kämpfen mit den mystischen Elementen und überwinden sie, aber in den Zwischenstadien dieses Ringens wird mancher Gedanke konzipiert . . . und manches Wort geschliffen. Diese Brocken werden von mystisch disponierten Geistern aufgelesen und mit Elementen, die aus dem alten Herd der Merkabalehre herkommen, zu einem neuen Gebilde geformt, das allmählich aber stetig in den Rahmen der alten Mystik hineinwächst und ihn . . . ausfüllt." Diesen Prozeß glaubt Neumark an einer bestimmt aufweis-