Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 9 (1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Zur Frage der Entstehung der Kabbala Von GERHARD SCHOLEM Die im Auftrag der Akademie vorbereitete Edition der Schriften des Mose de Leon soll auch einer endgültigen Klärung der Fragen zugute kommen, die mit der Entstehung des im Sohar, dem klassischen Hauptwerk der älteren Kabbala, niedergelegten Schrifttums zusammenhängen, als dessen Urheber Mose de Leon immer noch von vielen betrachtet wird. All diese Probleme bedürfen einer neuen Behandlung im Rahmen einer veränderten wissenschaftlichen Gesamtauffassung von der Entwicklung der Kabbala, die sich ihrerseits an ihnen insbesondere zu bewähren hat. Die Grundlinien einer solchen Gesamtauffassung sollen in den folgenden Ausführungen gezeichnet werden. Die Frage nach der Entstehung der Kabbala, der im 13. Jahrhundert scheinbar unvermittelt auftauchenden jüdischen Mystik und ihrer Literatur, ist unbestritten eine der Kardinalfragen der Religionsgeschichte des Judentums nach der Zerstörung des Tempels. Mit Recht ist ihr daher von der Forschung große Aufmerksamkeit gewidmet worden. Die Schwierigkeiten ihrer Beantwortung sind sehr beträchtlich. Nicht nur liegt ein wesentlicher Teil der alten kabbalistischen Literatur nur in Handschriften vor und ist von den Autoren noch gar nicht berücksichtigt worden, sondern auch die gedruckt zugänglichen Quellen, deren Analyse hier im Zentrum stand, sind in Wahrheit recht unzugänglich. Ihr dunkler Literarstil, ihre dunkle, schwer zu durchdringende und zugleich komplizierte mystische Terminologie sowie das innerlich noch mehr als äußerlich Fragmentarische und Abrupte ihrer Gedankengänge erschweren ein sicheres Verständnis, und hält man hierzu noch die grundverschiedenen Voraussetzungen methodischer und auch geschichtsphilosophischer Art, mit der die Forscher an diese Frage herantraten, so erklärt sich leicht die große Verschiedenheit der Theorien, die zu ihrer Beantwortung aufgestellt worden sind. Verhängnisvoll hat sich gerade auf diesem so schwierigen Gebiet ein negativer Faktor geltend gemacht: das Fehlen jeder gründlichen philologischen Detailarbeit, auf deren Ergebnissen erst eine umfassendere Konstruktion sich tragfähig hätte erheben können. Gerade bei Arbeiten, denen ein bedeutendes Verständnis für die besondere Welt der mystischen Theologie und für die Durchdringung der systematischen Perspektiven in der Kabbala nachgerühmt werden darf — wie dem Werk des Baaderschülers F. J. Molitor „Philosophie der Ge-