Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 8 (1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 21)
- Language
- German
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19 lieh gewaltsame und künstliche Weise wurde eine Fülle von Einzelbestimmungen aus dien biblischen Vorschriften abgeleitet. Die Gegnerschaft gegen das rabbanitische Judentum führte die karäischen Exegeten dazu, die talmudischen Deutungen der Bibel um jeden Preis zu bekämpfen, und sich auch da von ihnen zu entfernen, wo sie sachlich im Rechte waren. Auf der anderen Seite standen die karäischen Exegeten doch stark unter dem Einfluß der Tradition, schlössen sich vielfach rabbanitischen Anschauungen an, ja nahmen manchmal ganze Stellen aus Talmud und Midrasch in ihre Kommentare auf, natürlich ohne ihre Quellen zu nennen. Da jeder Karäer die Pflicht hatte, selbständig in der Bibel zu forschen, gingen fast über jede religiöse Bestimmung die Meinungen der einzelnen Lehrer auseinander, und so herrschten auch in der religiösen Praxis die größten Gegensätze, von denen der im Beginn des 10. Jahrhunderts schreibende Karkassani ein sehr anschauliches Bild gibt. Die karäische Exegese hat bereits im 10. Jahrhundert, also zu einer Zeit, als diese Wissenschaft bei den rabbanitischen Juden in ihren Anfängen stand, ihren Höhepunkt erreicht und seither keine wesentlichen Fortschritte gemacht. Das hängt großen Teils wohl damit zusammen, daß weite Kreise der Karäer sich von allen profanen Wissenschaften abkehrten, wenn es freilich auch neben ihnen noch Gelehrte gab, die sich der rationalistischer, Philosophie, die innerhalb des Islam entstanden war, anschlössen und noch im 11. und 12. Jahrhundert dieser Rationalismus unter ihnen seine wichtigsten Vertreter fand. Einige hervorragende Gelehrte des 19. Jahrhunderts, wie Jost, Geiger, Münk, Pinsker und Graetz erblickten, beeinflußt durch die von Firkowitsch herausgegebenen gefälschten Schriften, in den Karäern die Urheber der grammatischen Studien, der Massora und der wissenschaftlichen Exegese bei den Juden. Diese Ansicht wurde von Rapoport, Zunz, Luzzatto, Steinschneider und Harkavy auf Grund neuentdeckter handschriftlicher Quellen widerlegt. Auch sie leugneten jedoch nicht, daß von den Karäern ein gewisser Antrieb zu grammatischen und exegetischen Studien ausgegangen ist, Schon die Notwendigkeit, die karäischen Angriffe auf die rabbinische Tradition abzuwehren, mußte in diesem Sinne wirken, ähnlich wie die Zurückweisung der rationalistischen Bibelkritik des dem 8. Jahrhundert an- ^ehörigen Chiwi al-Balchi, die den göttlichen Ursprung der Bibel bestritt, zur Entwicklung der exegetischen Studien beigetragen hat Trotz des Einflusses der Karäer auf die Entstehung der rabbinischen Exegese werden von dieser die Schwächen der karäischen Bibelbildung scharf erkannt. Am deutlichsten werden sie in der Einleitung zum Pentateuch-Kommentar des Abraham ibn Esra hervorgehoben. Der zweite von den fünf Abschnitten dieser Einleitung enthält eine Kritik der Exegese der karäischen Lehrer Anan, Benjamin, Maschiach, Joschua und „des ganzen Ketzertums" oder der „Sadduzaeer", wie sie der Verfasser gleich anderen Rabbaniten be