Mannheim
Compact Memory

Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · 8 (1927) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
Volume
8 (1927)
Date
1927-01-01
Page
Seite 10 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2707513-2707522--312-2707882
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

10 Die halachischen Midraschim vergissest, so kehre nicht zurück, sie aufzunehmen; dem Fremdling, der Waise und der Witwe soll es gehören, auf daß dich der Herr, dein Gott, in allem Tun deiner Hände segne. Daran knüpft R. Eleazar ben Azarja die Bemerkung: Wenn die Thora jemandem, dler ohne Absicht und durch bloßes Vergessen eine Wohltat ausübt, den Segen dafür verspricht, muß dies um so mehr dann der Fall sein, wenn eine Wohltat mit Vorsatz und Überlegung geübt wird (Sifre Deut. 283). Diese Morallehre kann aber auch aus einer anderen Vorschrift der Thora gefolgert werden. Von dem Ägypter heißt es nämlich, du sollst ihn nicht hassen, weil du ein Fremder in seinem Lande warst (Deut. 23, 8). Es lag aber nicht in der Absicht der Ägypter, den Juden eine Wohltat zu erweisen, und sie haben sich obendrein den von ihnen gestatteten Aufenthalt gut bezahlen lassen. Daraus könnte ebenfalls gefolgert werden, daß auch eine unbeabsichtigte Wohltat als solche anzusehen und zu belohnen ist. Tatsächlich finden wir diese Schlußfolgerung ebenfalls in Sifre Deut. 252 im Namen desselben R. Eleazar ben Azarja. Er selbst dürfte aber schwerlich aus beiden Schriftversen dieselbe Schlußfolgerung gezogen haben; vielmehr wurde erst später sein Ausspruch von dem einen Vers auf einen andern, ähnlichen übertragen. Hat sich nun einmal diese Art von Übertragung eingebürgert, so war jeder weiteren freien Gestaltung des überlieferten Stoffes Tür und Tor geöffnet. Wenn es zu den Freiheiten des Kommentators gehörte, das geistige Eigentum eines Tanna in anderem Zusammenhange und oft auch in verändertem Sinne zu gebrauchen, so mußte das Ausmaß des Gebrauches und dler Grad der Veränderungen dem freien Ermessen des jev/eiligen Kommentators überlassen werden. Wie sollte er nun verfahren, wenn beispielsweise eine Kontroverse zwischen Tannaiten über die Deutung eines Bibelwortes vorlag, bei der die eine Deutung auch für einen andern Vers paßte, die andere aber nicht? Nun, man gab dann entweder der Kontroverse bei der Übertragung auf einen andern Vers einen entsprechend umgeänderten Sinn, d. h. man paßte sie dem neuen Texte an und entkleidete sie ihrer ursprünglichen Bedeutung, oder man zwang sich, die Kontroverse auch bei dem andern Vers so gut es ging zu verstehen. Wenn diese Übertragungen mehrfach vorgenommen wurden, komplizierte sich naturgemäß die Sache immer weiter, was Größtenteils auch als Ursache der sich uns entgegentürmenden Schwierigkeiten bei der Behandlung des halachischen Stoffes anzusehen ist Wir wollen dies durch ein gemeinverständliches Beispiel erklären. Zu dem Vers in Exodus (12, 37): Die Kinder Israel zogen von Raamses nach ^Sukkot" brinft Mechilta (Bo 14) u. a. die Ansicht des R. Eliezer, daß ,.Sukkot" wörtlich zu erklären sei, daß die Juden Hütten (Sukkot) errichtet hätten. Eine solche Ansicht wäre aber der reinste Unsinn, da der Wortlaut auf eine Ortschaft hinweist und) mit dieser Deutung nichts anzufangen ist, im Gegensatz zum Derasch des R. Akiba daselbst, daß unter Sukkot „Ehrenwolken" als göttlicher Schutz zu verstehen seien.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.