Mannheim
Compact Memory

Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · 8 (1927) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
Volume
8 (1927)
Date
1927-01-01
Page
Seite 9 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2707513-2707522--311-2707881
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die halachischen Midraschim 9 Die halachischen Midraschim bilden einen fortlaufenden Kommentar zur heiligen Schrift. Sie enthalten einfache Erklärungen zu schv/ierigen Ausdrücken, traditionelle Erläuterungen und Deutungen, Kontroversen der Tannaiten und Ableitungen von Bestimmungen für Fälle, die in dem Schriftwort nicht erwähnt sind. Sie haben alle die Eigentümlichkeit, eine einmal gegebene Erklärung gewöhnlich so oft zu wiederholen, als das Wort, das die Grundlage der Erklärung bildet, in der Bibel vorkommt. Das geschieht aber nicht nur bei den einfachen Worterklärungen, sondern auch bei den Deutungen, die den Zweck verfolgen, neue Bestimmungen aus dem Bibeltext abzuleiten. Auch in diesen Fällen wiederholen die halachischen Midraschim die neuen Lehren so oft, als das betreffende Schriftwort in der Thora wiederkehrt. Hierin ist ein charakteristisches Merkmal der halachischen Midraschim zu erblicken, das den Unterschied zwischen ihren Gedankengängen und denen des Talmuds deutlich erkennen läßt. Für uns, die wir talmudisch eingestellt sind, drängt sich in solchen Fällen die Frage auf, wozu die Thora an mehreren Stellen dasselbe zu lehren brauchte. Denn es gilt als ein talmudisches Axiom, daß eine und dieselbe Bestimmung nicht aus zwei Bibelversen gefolgert werden darf1). Die Thora beabsichtigte vielmehr mit jedem neuen Worte auch eine neue Lehre auszudrücken. Die halachischen Midraschim hingegen ficht diese Frage von vornherein nicht an, und sie gehen über sie mit Stillschweigen hinweg. Für sie gilt eben der Standpunkt des Kommentators. Der Kommentator hat ein Wort so oft zu erklären, als es wiederholt wird. Glaubt er, daß ein Wort in einem gewissen Sinne zu deuten ist, so wiederholt er die Deutung, sobald sich von neuem dazu Gelegenheit bietet. Ist eine neue Lehre aus dem Bibeltext abzuleiten, so tritt däe Berechtigung dieser Lehre um so mehr in Erscheinung, je mehr Belegstellen sich für sie erbringen lassen. Später blieb man jedoch bei dieser Art des Kommentierens nicht stehen, sondern man ging einen Schritt weiter und sagte sich: es müsse nicht immer dasselbe Wort sein, zu dem eine bestimmte Deutung hinzuzufügen sei; es genüge auch ein ähnliches Wort, für das dieselbe Deutung passen würde. Und die Bedeutung dieses Schrittes für die Vermehrung und Entwicklung der Halacha kann nicht hoch genug eingeschätzt werden! Denn mit ihm hat sich dlas halachische Gut mit einem Rucke vervielfältigt. Eine Deutung oder eine neue Lehre wurde bei jeder passenden Gelegenheit hervorgeholt, und man scheute auch nicht davor zurück, Äußerungen von Tannaiten, die zu verschiedenen Schriftstellen passen, an all diesen Stellen mit kleineren oder größeren Modifikationen unterzubringen, als ob der betreffende Tanna seinen Ausspruch mehreremal wiederholt hätte. Folgendes Beispiel möge das Gesagte erläutern. In Deuteronomium 24, 19 heißt es: Wenn du auf deinem Feldle erntest und eine Garbe auf dem Felde *) Vgl. Talmud b, Sanhedrin 34a und Raschi z, St.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.