Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 8 (1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
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8 Die halachischen Midraschim einen Tummelplatz für Abschreiber und Erklärer darstellen, zur Grundlage seiner Forschungen macht, der baut auf Sand. Um nur ein Beispiel zu nennen. Die Verdienste Bachers auf dem Gebiete der Agada sind allgemein anerkannt, und! sie sollen und können nicht geschmälert werden. Und doch leiden seine Arbeiten vielfach darunter, daß ihm keine kritischen Ausgaben der Midraschim zur Verfügung standen. Wenn er beispielsweise eine Agada, die in unseren Midraschausgaben1) R. Simon ben Gamliel zugeschrieben wird, in dessen Namen anführt und an sie Bemerkungen über die Art der tannaitischen Deutungen anknüpft2), so genügt die Feststellung, daß in sämtlichen Handschriften sowie bei den alten Autoren als Urheber dlieser Agada der Amoräer R. Benjamin ben Levi fungiert, um zu erkennen, welches Mißtrauen den Texten unserer Ausgaben und den auf sie gegründeten Folgerungen entgegengebracht werden muß. Je weniger aber die Bücher abgeschrieben und benutzt wurden, mit desto größerer Sicherheit kann an ihre Behandlung herangetreten werden. Freilich darf auch in diesem Falle nicht auf vereinzelten Ausdrücken gebaut und jede sprachliche Eigentümlichkeit auf das Konto des Redakteurs gebucht werden. Allein im großen und ganzen dürfen hier die Texte als ziemlich gesichert gelten, wie auch an der Hand der kritischen Ausgabe des Sifre Numeri nachgewiesen werden kann. Wenn auf diese Weise die ungenügende Beachtung, die unsere halachischen Midraschim gefunden haben, ihnen auch zum Vorteil gereichte, so darf doch nicht verschwiegen werden, dlaß damit auch große Nachteile verbunden waren. Daß eine Anzahl von ihnen abhanden gekommen ist, soll nur nebenbei erwähnt werden. Schlimmer aber ist es noch, daß man sich allmählich daran gewöhnte, die halachischen Midraschim nicht selbständig zu behandeln, sondern stets in Verbindung mit dem Talmud und in seiner Beleuchtung. Und das war für die Erkenntnis und Wertung des Inhaltes der halachischen Midlraschim von besonders nachteiliger Wirkung. Denn aus ihnen erfahren wir nicht nur die Ableitungen der halachischen Lehrsätze aus dem Bibeltexte, sondern lernen auch — bei eingehender und freier Betrachtung — die Entwicklung kennen, die die Halacha von dler Zeit, in der sie sich noch eng an die Bibel anlehnte, bis zu ihrer Loslösung von derselben und der Annahme einer abstrakten Gestalt durchmachte. Trägt man aber in die Midraschim die Anschauungen des Talmuds hinein, so erhält man wohl das Bild, das die Halacha nach Jahrhunderten angenommen hat, nicht aber das ursprüngliche, das uns ihren Entwicklungsgang zu veranschaulichen vermag. In unseren „Untersuchungen über die halachischen Midraschim" suchen wir aus den Midraschim selbst uns Aufschluß über die einschlägigen Probleme zu verschaffen, wodurch auch einige Streiflichter auf die Entwicklung der Halacha fallen, Über die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit soll hier berichtet werden. 1) Bereschit rabba 90, 3, Wajikra r. 23, 9 und Tanchuma Mikez, 3. 2) Agada der Tannaiten II, S. 333.