Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 8 (1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2707513-2707522--309-2707879- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die halachischen Midraschim. Von Chanoch Albeck. Mit der Sammlung der mündlichen Lehre, die Rabbi Jehuda Hanasi vero anstaltete und die den Namen „Mischna" schlechthin erhielt, wurde einerseits der Halacha ein Stützpunkt errichtet, der ihrem in schwindlige Höhen ragenden Bau eine sichere Grundlage bot, und andererseits der weiteren Entwicklung der Tradition Richtung und Weg vorgezeichnet. Keineswegs vermochte aber die Mischna die andern in ihr nicht aufgenommenen Lehrsätze und Kontroversen zu verdrängen und aus dem Lehrhause zu weisen. Es ist vielmehr anzunehmen, daß gerade die große Leistung Rabbis und die allgemeine Anerkennung, die seine Mischna fand, seine Schüler und Verehrer anspornte, ähnliche Sammlungen anzulegen und auf diese Weise das von Rabbi unberücksichtigt gebliebene Lehrgut der Vergessenheit 7u entreißen. So entstanden im Laufe der Zeit mehrere Halachasammlungen, die sich teils eng an unsere Mischna anschlössen und sie größtenteils nur ergänzten, teils von ihr unabhängig direkt an den Bibeltext anknüpften. Teile der ersteren sind in dem auf uns gekommenen Tosefta - Buch erhalten, das, wie ich anderv/ärts gezeigt habe1), aus diesen Sammlungen zusammengestellt ist, Teile der letzteren in den Midraschim zur Tora, die wir unter dem Namen „die halachischen Midraschim" zusammenfassen. Es sind dies hauptsächlich: Mechilta zu Exodus, Sifra zu Leviticus, Sifre zu Numeri und Deuteronomium. Der Name „halachische MidSraschim" entspricht zwar nicht ganz dem Inhalt der genannten Midraschim, da sie auch viel Agada — Erzählungen und homiletische Deutungen — enthalten. Er ist aber insofern berechtigt, als durch ihn der Unterschied zwischen diesen Midraschim, die hauptsächlich zum Zwecke der Halacha und im Hinblick auf die in den betreffenden Büchern der Thora vorkommenden Gesetzesvorschriften angelegt wurden, und den agadischen, dlie zum weitaus größten Teile Agada enthalten, hervorgehoben wird Während die hagadischen Deutungen und Erzählungen aber, infolge ihres leichtfaßlichen und die Phantasie belebenden Inhaltes, sich von altersher2) einer großen Beliebtheit erfreuten und gern gehört und gelesen wurden, konnten die halachischen außermischnischen Schriften sich mir schwer neben Mischna und Talmud behaupten. Und dies hatte auch seinen Vorteil! Er besteht darin, daß diese Schriften weniger abgeschrieben wurden und infolgedessen auch weniger der Willkür der Abschreiber ausgesetzt waren, ein Vorteil, der für ihre wissenschaftliche Erforschung nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Denn für je die wissenschaftliche Arbeit bildet ein einigermaßen gesicherter Text die erste Voraussetzung. Wer aber unsere Texte, insbesondere die agadischen, die seit Jahrhunderten *) Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. 1925. S. 311 f. -j Vgl. Talmud babli Sota 40a.