Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 39 (sequence 39)
- Language
- German
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Joseph Süß Oppeniheimer 39 Die Biographie wird auch versuchen, eine psychologische Analyse seines seltsam schillernden und komplizierten Wesens zu bringen, dieser eigenartigen Mischimg von kühler Berechnung und phantastischem Traum, von ernster Sachlichkeit und unbeherrschtem Affekt, von tyrannischer Herrschsucht und treuester Hingabe, von hartem Stolz und gütiger Menschlichkeit Ein aufgeklärter Freigeist, der sich rühmt, ein Volontär aller Religionen zu sein, und ein Gläubiger, der laut vor Fürsten und Großen sein Judentum preist. Ein Zyniker, der sich im Scherz mit dem Teufel verbündet, und ein Heiliger, der trotz der Folter den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs nicht verrät. Denn sein Machttrieb und sein politischer Ehrgeiz, so stark sie nach außen auch schienen, sind im Grunde doch nur der Ausdruck seelischer Schwäche und tiefen Ressentiments. Während auf der einen Seite seine schöpferische Tat aus der inneren Spannung erwächst, die der ständige Kampf mit einer feindlichen Umwelt erzeugt, wirkt sich auf der anderen Seite die innere Hemmung, die ihm sein Judentum bringt, in einem übersteigerten, sich und andere gefährdenden Machttriebe aus. Je einsamer er diesen versippten, verschwägerten, eingesessenen Großen mit ihrem uralten Recht und ihrem uralten Besitz gegenübersteht, um so größer wird seine Tyrannei, um so unbegrenzter sein Verlangen nach Macht, Der Haß des Herzogs gegen die Stände, der ewige Haß und der ewige Kampf zwischen Fürst und Landschaft, ist bei Süß der Ausdruck eines ganz anderen Gefühls. Ihn leitet nicht, wie den Herzog, der politische Instinkt, die staatsmännische Erkenntnis allein. Sondern in ihm rächt sich der Fremde, der Heimatlose, der von allen Vereinen und Gruppen, Organisationen und Zünften Ausgeschlossene und Verfemte in einer grandiosen, beinahe verbrecherischen Form. Deshalb stellt er dem willig lauschenden Herzog vor, daß er der Herr sei und daß die Untertanen zu gehorchen hätten. Deshalb wünscht er in intimem Gespräch mit jüdischen Vertrauten, daß der Herzog, wie Ludwig XIV., der Landschaft auf einmal die Köpfe heruntermache, und rühmt, daß er in zwei Jahren die Stände zur Räson bringen werde. Er steht hinter dem Herzog, als dieser in harten Worten, militärisch-diktatorisch, von der Landschaft verlangt, die Kosten zum Festungs- und Fortikationswesen der fürstlichen Landschreiberei zu ersetzen, als er Eingriffe in das Jahrhunderte alte Steuerrecht der Stände macht, die Hälfte der Akzise für sich verlangt, das Stempelpapier einführt, das Branntwein- und Bierbrauwesen verstaatlicht, die Brücken- und Weggelder für sich reserviert. Durchdrungen von der romisch-rechtlichen Idee der unbedingten Staatsaufsicht über alle Kreise und Korporationen, beschränkt er die Autonomie der bis jetzt freien Gemeinden und mischt sich selbst in die Wahl ihrer Ratsverwandten und Stadtschreiber, ihrer Bürgermeister und Richter.