Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 38)
- Language
- German
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38 Joseph Süß Oppenliekner Ein weiterer Schritt zur Industrialisierung und Kapitalisierung des Landes war die Anlage einer Porzellanmanufaktur in Ludwigsburg, für die Süß sein eigenes Haus zur Verfügung stellte, einer Seidenmanufaktur in Stuttgart und der Gründung einer Bank, der ersten in Süddeutschland, der sogenannten Bancalität, Aehnlich der Bank von England und Hamburg und der Banco del Giro von Wien sollte sie dazu dienen, die Ausfuhr von Kapitalien ins Ausland zu verhüten, die baren Mittel dem Staate zu erhalten, von fremden Orten Gelder hereinzuziehen und mit ihrer Hilfe die schwebenden Schulden abzutragen. Der schon 1709 gegründete, aber bedeutungslose Commercienrat, eine Behörde zur Hebung des Handels und Förderung der Industrie, erhielt neuen gesteigerten Einfluß, der sich im Abschluß wichtiger Handelsverträge offenbarte. Freilich konnten alle diese Reformen, so notwendig sie waren, so sehr sie dem Bedürfnis der Zeit entsprachen, in dem rein agrarischen Lande nicht ohne Schärfen und Schäden durchgeführt werden. Auch sind die Anklagen gegen Süß, er habe an den Gründungen und Unternehmungen seinen Profit gehabt und den eigenen Beutel gefüllt, nicht ohne Begründung. Die Verleihung der Admodiationen und die Uebertragung von Heeres- und Munitionslieferungen an seine Glaubensgenossen, die zur ersten Ansiedlung von Juden in dem bisher judenfreien Lande führten, brachte ihm reichen Gewinn und die Hauptbeteiligung am Verdienst. Ebenso lieferte ein sogenanntes Gratialamt, das Aemter und Stellen verkaufte, und ein von ihm selbst geleitetes Fiscalatamt, das gegen hohe Summen Prozesse und Strafen niederschlug, nicht nur den herzoglichen Kassen das notwendige Geld. Denn es galt für ihn, das Jahrhundert der Kavaliere in seinem eigentlichen Sinne zu erfassen. Er mußte sich mit dem Nimbus umgeben, den es verlangte, er mußte die raffinierte Ueppigkeit des Grandseigneurs, die müde Blasiertheit des Aestheten, die wollüstige Glut des Verführers in sich steigern, sollte er vor den andern bestehen. Was aber bei den andern Inhalt des Lebens war, Lebensstil und Lebensrhythmus, hier war es nur eine äußere Form, das Entrebillett zur europäischen Kultur, der Schlüssel, das Tor des Ghetto zu sprengen. Die Biographie wird im einzelnen von allem berichten: von seinem Haus in Stuttgart, das er mit seltenen Gemälden, mit kostbaren Teppichen, mit erlesenen Büchern füllte. Von seinen Freunden, Juden und Christen, Adligen und Geistlichen, den Genossen seiner berühmten Gelage, den Bewunderern seiner weitverbreiteten Witze und Sarkasmen. Von seinen Beziehungen zu den Frauen, die ihm rettungslos verfielen, das gräfliche Fräulein wie die junge Bauernmagd, und die ihm ein dankbares Andenken wahrten, auch als sein Sturz sie in seinen Prozeß und in häßlichen Klatsch hineinzog.