Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 35)
- Language
- German
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Joseph Süß Oppeiuheimer 35 Reskripte und Dekrete überhaupt nicht vollzogen würden, daß seine Minister alles nur kritisierten, daß ihr Widerstand, ihr Eigennutz, ihre schädliche Rücksicht auf Familien, ihre Konnexion untereinander ihn zwingen, alles selbst zu erledigen, „Bey der Regierung sind ja die Parteylichkeiten so eingerissen, daß ich fast nicht wüßte, welchen unter den Räten ich einiges Vertrauen beimessen könnte/4 Wie war es aber möglich, in dieses System der ererbten, erkämpften, behüteten, verbrieften Privilegien Bresche zu schlagen? Wie konnte man moderne Ideen in diese beschränkten, befangenen, eigensinnigen Gehirne einhämmern? Gab es aber da nicht einen Menschen, der gegenüber der Trockenheit, der Nüchternheit und der seelischen Dürre seiner Räte jugendlich und ungestüm war, draufgängerisch und wagemutig, erfüllt vom Impetus des Neuerers? War da nicht einer, der ohne Vergangenheit war, ohne Bindung, ohne Tradition, ohne Sippe, ohne Zusammenhang mit dieser in sich geschlossenen, einheitlichen, bürgerlichen Welt? War da nicht ein Vertreter des aufgeklärten, erobernden, neuen Geistes, zugewandt dem Leben und der Wirklichkeit? War hier nicht ein Werkzeug, schmiegsam und hart zugleich? Ein Mittler zwischen zwei Welten, ein Uebertrager und Uebersetzer neuer Ideen? Und wenn der Erfolg ausblieb, ein Büßer und ein Opfer? Für den Juden gab es keinen Rächer, keinen, der Urfehde ansagte, wie einst Ulrich von Hutten seinem Ahnen oder wie die Familie des enthaupteten Kanzlers Enslin. Die Geschichte hat Süß zum eigentlichen Erfinder aller Reformen gemacht, seinem suggestiven und faszinierenden Einfluß auf den Herzog die Umwandlung des württembergischen Staatstypus zugeschrieben. In Wirklichkeit ist er nur der Vollzieher und Ausführer der herzoglichen Pläne gewesen, wenn er freilich auch erst diesen allgemeinen und unbestimmten Vorstellungen die eigentliche Note, die entscheidende Klarheit, die Möglichkeit der Verwirklichung gegeben hat. Zuerst galt es, die alten Mitglieder des Geheimen Rates zu entfernen, wollte man zu einem wirklichen Ziele gelangen. Daß Süß bewußt und mit Absicht dieses Spiel wagte, daß er den Haß des Herzogs schürte, die Räte verdächtigte und gegen sie agitierte, mehr noch, daß er in seiner ironischen Art die schwäbische Schwerfälligkeit verspottete — könne man doch aus einem Schwaben höchstens einen Expeditionsrat machen — geht aus den Akten deutlich hervor. Die Keller, Georgii, Hardenberg und wie die alten Minister hießen, wurden auf seinen Rat gestürzt, der Geheime Rat wurde, wie das damals auch in Preußen, in Bayern und Sachsen geschah, aus seiner leitenden Stellung verdrängt und ein sogenanntes Konferenzministerium gegründet, der conseil d'en haut von Frankreich, das Kabinettsministerium in Preußen. D. h.: anstatt mit ungefügen und schwerfälligen Geheimen Räten umgibt sich der Fürst mit einigen wenigen vertrauten Räten, um mit ihnen