Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 33 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2707513-2707524--286-2707855- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Joseph Süß Oppenäieimer 33 Bestimmender war noch, daß der Adel, seitdem er im 16. Jahrhundert sich der Landeshoheit entzogen und reichsunmittelbar geworden war, im Landtag keinen Sitz mehr hatte. Den Bürgermeistern und Prälaten, den Vertretern der Städte und der Klöster, war schwerer beizukommen als der Ritterschaft. „Man konnte im einzelnen unglimpflich mit ihnen verfahren. An der Substanz ihrer verfassungsmäßigen Rechte hielten sie mit instinktartiger Zähigkeit fest/4 Eingesponnen in ihre kleinen Alltagssorgen, in ihre Familieninteressen, ohne Kenntnis der Forderungen der Zeit, ohne Berührung mit der großen Politik, war ihnen das Schwabenland die Welt, der Württemberger das Maß aller Dinge. Was außerhalb ihrer Grenzpfähle geschah, ging sie nichts an. Sie ersehnten Ruhe und Frieden, Ordnung und Wohlhabenheit, die Wahrung ihrer alten privilegierten Gerechtsame und Freiheiten. Auf Forderungen der Herzöge, die Landesmiliz zu vermehren, am Kriege gegen die Franzosen teilzunehmen, gingen sie niemals ein. Der Dreißigjährige Krieg hatte das Land verwüstet, die Raubzüge Ludwigs XIV. die Städte zerstört. Der Aufstellung einer streitbaren Macht hatten sich jedoch die Stände ebenso trotzig wie hartnäckig stets widersetzt. Carl Alexander bestieg den württembergischen Thron mit anderen Absichten und Zielen als sein Vorgänger Eberhard Ludwig. Er war nicht der große Landedelmann mit „nobeln Passionender prachtliebende, üppige, vornehme „Kavalier und Mann von Welt und Bildung", für den das Kammergut nur dazu diente, seine Privatgelüste zu befriedigen und seine ehrgeizige und verschwenderische Mätresse zu beschenken. Das „Gefühl von Regentenpflicht", das jenem fehlte, die „Vorstellung vom Beruf, von sittlicher Aufgabe und Verantwortung" waren tief in ihm verankert. Er war fern der Heimat aufgewachsen und hatte sich innerlich ihr entfremdet. Ein wildes und phantastisches Kriegsleben hatte ihn von Tradition und Vorurteil befreit, ihn zu tollkühnem und eigenmächtigem Handeln verleitet. Der Auf enthalt in Oesterreich, die staatsmännische Tätigkeit in Serbien hatten ihn mit der inneren Struktur eines Staates vertraut gemacht, ihn von der königlichen Unvergleichbarkeit des Staates, „der geschaffen ist, nichts zu fürchten", überzeugt. Nicht umsonst rühmte Süß die „ausnehmende Klugheit und Erfahrung und die penetrante Einsicht" seines Herrn. Ihn erfüllte ein ganz bestimmtes Programm. Württemberg, das bisher unbeachtete, aber seiner Ueberzeugung nach wichtigste Glied Süddeutschlands sollte eine Vormachtstellung im Süden erhalten, wie sie der Große Kurfürst für Preußen im Norden errungen hatte. Durch die Gründung eines großen, starken, stehenden Heeres sollte die gefährdetste Ecke des hl. römischen Reiches gegen die Raubzüge Frankreichs geschützt, das Land durch Festungen, Schanzen und Verhaue gegen den Erbfeind verteidigt werden. Auch über sein inneres Regierungsprogramm war er sich im klaren. Die Regierung Eberhard Ludwigs, der Unterhalt des französischen Theaters,