Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 29 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2707513-2707524--282-2707851- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Joseph Süß Oppenheim er 29 Herren, in der Tracht der Zeit, mit feinen, gewandten Manieren, die Sprache des Landes sprechend, würdig und selbstbewußt, mit Ministem und Politikern verkehrend und zugezogen zu den Geschäften der großen Politik. Als Süß nach Wien kam, war sein Verwandter und Landsmann Samuel Oppenheimer schon tot. Aber noch war überall die Erinnerung an diesen autokretischsten und weitblickendsten Hofbankier und Hoflieferant lebendig, dieser unheimlichen und gefürchteten Macht, die der Staat bald verstieß und bald wieder suchte, weil er ohne sie doch nicht zu existieren verstand. Was bot sich dem ehrgeizigen, klugen, lebendigen Juden der Zeit anderes dar als eine solche Faktorentätigkeit? Geehrter in den eigenen Reihen war freilich der Rabbi, der Gelehrte, der Heilige. Er war Vorbild, Richter, oft Ordner der Gemeinde. Aber die Aktivität seines ungestümen Temperaments, der Tatsachensinn seines nüchternen Verstandes verlangte nach Handeln und Wirken. Der Beruf des Faktors allein eröffnete dem Juden Aussicht, an der Verwirrung und Entwirrung der politischen Fäden, am Getriebe der großen Welt, an Kriegen, Intrigen, Verhandlungen und Konferenzen teilzunehmen. Vor kurzem erst hatte Bernd Lehmann aus Halberstadt dem sächsischen Kurfürsten die polnische Königskrone errungen, der Kammeragent Leffmann Behrens Ernst August von Hannover die neunte Kurwürde verschafft. In Oettingen leiteten reich und angesehen Daniel Oppenheimer und Hirsch Neumark die Münze, in Ansbach hatte Marx Model, der gebietende Herr der Fürther Gemeinde, den Handel des Fürstentums beherrscht, sein Nachfolger Elkan Fränkel die ganze Verwaltung des Landes geleitet. Die Biographie wird die Lehr- und Wander jähre des Süß als Hoffaktor und Kammeragent in der Pfalz, in Hessen, in Köln im einzelnen schildern, wo er als Pächter des Stempelpapiers, als Münzmeister und Hoflieferant, aber auch als Juwelenhändler und Geldverleiher sich die Grundlage seines Vermögens, seiner Welt- und Menschenkenntnis, seine von ihm selbst gerühmte Fähigkeit, ,,große Herren zu traktieren und mit ihnen umzugehen", erbeutete. Sie wird auch versuchen, das Problem des Hoffaktors als solches zu deuten, ihm seinen Platz innerhalb der allgemeinen Finanz- und Wirtschaftsgeschichte anzuweisen. Hier kommt es nur darauf an darzulegen, was Süß von den anderen unterscheidet: Seine Tätigkeit im württembergischen Dienst als Geheimer Finanzienrat des Herzogs Carl Alexander. Im Jahre 1732 lernte er — er war noch hessischer Kammeragent und bewohnte in Mannheim und Frankfurt prächtige Häuser — durch Vermittlung des württembergischen Hofjuden Isaac Landauer den Prinzen Carl Alexander von Württemberg kennen. Es war eine Begegnung, die für beide Männer von schicksalhafter Bedeutung werden sollte. Carl Alexander entstammte der Winnenthaler Seitenlinie des herzoglichen Hauses. Ohne Aussicht auf den Thron — der regierende Herzog besaß