Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 28)
- Language
- German
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28 Joseph Süß Oppenäieimer ganz gewiß ein großer Staatsmann und recht politischer Minister aus ihm werden können/' Daß Süß die hebräische Sprache beherrschte, geht aus späteren Aeußerungen und Briefen deutlich hervor. Es ist auch möglich, daß seine ausgezeichnete juristische Schulung, seine treffenden advokatorischen Ratschläge, seine scharfe und schneidende Widerlegung der Gegner, die Anhäufung von Beweisen in seinen Gutachten und Memoirs auf die Talmudbildung seiner Jugend zurückführen. In Süß' Bibliothek hat man später deutsche, französische und lateinische Grammatiken gefunden und neben zwei Ausgaben des Josephus und Becks Recht der Juden" zahlreiche juristische, nationalökonomische, philosophische und historische Werke, nebst Büchern aus der zeitgenössischen deutschen Literatur, wie den Hofmannswaldau, den Neukirch, den einige Male vertretenen und darum wohl sehr geschätzten Abraham a Santa Clara. Mehr aber als die theoretische Lektüre scheint ihm das praktische Studium von Land und Leuten gegeben zu haben. Die Biographie wird im einzelnen den Einfluß nachweisen, den große Reisen, besonders ein langer Aufenthalt im aufblühenden Oesterreich, auf seine Bildung und Staatsanschauung ausgeübt haben. Was Colbert Jahrzehnte früher für Frankreich, Cromwell für England, der Große Kurfürst für Preußen erkämpft hatten, den Partikularismus der Stände zu brechen, aus den losen Wirtschaftskörpern starke nationale Machtgebiete zu schaffen, versuchte gerade damals der österreichische Staat. Die Zentralisierung und Vereinheitlichung der Verwaltungsorganisation, die das Ziel der inneren Politik Joseph I. gewesen war, setzte sein Nachfolger Karl VI. durch die Schaffung „ständiger berufener Organe der merkantilistischen Handes- und Industriepolitik", durch die Verbesserimg des Verkehrs, die Förderung des heimischen Handels und der Industrie, durch die Umwandlung des Binnenstaates in den Seestaat fort. Wurde so der Blick des Fremden durch die unmittelbare Anschauung eines werdenden neuen Staatstypus erweitert, so wurde er in den Strudel der großen nationalökonomischen Diskussionen und Disputationen über Ackerbau und Wirtschaftsorganisation, über Handelsbilanz ' und Kolonisation, über Verwaltung und Vermehrung der Einkünfte des Staates hineingerissen. Gerade in Oesterreich hatten ihre bedeutendsten Vertreter, die philosophische!* Kameralisten, gepredigt, hatten Projekte geschmiedet, die fürsliche Schatz- und Rentkammer zu bessern, hatten die eigentlichen Ursachen des Auf- und Abnehmens der Städte, Länder und Republiken entdeckt und Oesterreich über alles gesetzt, wenn es nur wollte. Ebenso sehr wie Staat und Staatstheorien mochte ihn das neue Leben im Hause seiner reichen und angesehenen Wiener Verwandten fesseln, einer Welt, die ganz anders geartet war, als die der ungebildeten, armen, stillen Mitglieder der Pfälzer Landjudenschaft. Da sah er seine Glaubensgenossen als vornehme