Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 26)
- Language
- German
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26 Jos-eph Süß Oppenheimer als Christ, wohl selbst als Württemberger, wäre sein Los nicht viel anders gewesen. Der Kanzler Enslin von Württemberg ist ein Jahrhundert vorher, der Minister Struensee von Dänemark kurze Zeit später den gleichen Weg gegangen. Sein Judentum hat nur die Lage kompliziert, die Empörung geschürt, das Volk zur Einheit gegen den Fremden zusammengeschmiedet. Nur für uns ist sein Judesein von ausschlaggebender Bedeutung. Denn die Juden vor der Emanzipation sind uns bis jetzt nur als Objekt, als die passiven Werkzeuge des Staatswillens bekannt. Süß dagegen erscheint als der erste Jude, der bewußt und aktiv beinahe ein Jahrhundert vor der Emanzipation die Umgestaltung und Wandlung eines Staatstypus erstrebt, ja erzwingt, und der uns damit durch sein eigenes Beispiel die Stellung eines Juden zu seiner Umwelt in einem entscheidenden Augenblick der Geschichte manifestiert. Joseph Süß Oppenheimer wurde im letzten oder zweitletzten Jahre des ausgehenden 17, Jahrhunderts in Heidelberg geboren. Es war die Zeit zwischen dem Pfälzer Raub- und dem spanischen Erbfolgekrieg, die die Pfalz damals zum Drehpunkt und Mittelpunkt der europäischen Politik machten und in der kindlichen Phantasie die Vorstellung von großen Kämpfen und heroischen Taten, von diplomatischen Aktionen und höfischen Intrigen erweckten. Denn die Heidelberger Judengasse schloß ihre Bewohner nicht, wie das nahe Frankfurter Ghetto, von der Umwelt ab. Seitdem 1394 der tolerante Kurfürst Rupprecht I. den aus den benachbarten Reichsstädten vertriebenen Juden in der Pfalz Aufnahme und Schirm gewährt hatte, waren die milden Pfälzer Fürsten fast immer ihre Beschützer gewesen. Dem Wiederhersteller der Pfalz nach dem Dreißigjährigen Kriege, dem genialen Carl Ludwig, hatten sie ebensosehr wie die Hugenotten geholfen, sein zerstörtes Land wieder aufzubauen und die Blüte von Mannheim zu begründen. Diese wirtschaftliche Mitarbeit am Staate, der die Juden zu Fabrik- und Bankgründungen, zu Tabak-, Salz-, Leder- und Münzpachtungen heranzog und einzelnen großen Reichtum, der Menge größere Wohlhabenheit brachte, sprengte damals langsam das Tor des Ghetto. Noch war ihre seelische Welt eng und umgrenzt, noch gab es für den deutschen Ghettojuden „keine anderen Werte und Maßstäbe als die auf Thora und Ueberlieferung beruhenden; wer sich diesem Kreise entzog, an Ueberlieferung und Glaube Maßstäbe der Kultur anlegte, gegen den hatte er keine Waffen und wollte auch keine'1. Noch war ihnen die Religion allein Sinn und Inhalt des Daseins, „Leben vom Leben der Seele", Weltanschauung und Philosophie, Bildungsmittel und Trost. Noch war Mittelpunkt ihrer Interessen Deutung und Lösung dunkler tal«