Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 24)
- Language
- German
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24 Joseph Süß Oppenüiekner In der Vorstellung des Volkes, bei Juden und bei Christen, ist die Gestalt des Jud Süß seit beinahe zwei Jahrhunderten eindeutig festgelegt. Als die Verkörperung alles Bösen, als der leibhaftige Antichrist, als der gottlose Erzschelm erscheint er den einen, als der dämonische Abenteurer, der jüdische Casanova, der unwiderstehliche Frauenverführer den andern. Den Kindern hielten die Lehrer, ihren Gemeinden die Priester das tolle Leben und das unselige Ende des Joseph Süß als warnendes Beispiel einer durch Hoffahrt, Uebermut, Wollust und Geldgier in zeitliches und ewiges Verderben geratenen, sündigen Menschenseele vor. Die Mädchen nannten mit geheimnisvollem Grauen und in zitternder Neugierde seinen Namen, er war ihnen der Vertreter alles Verbotenen und Reizvollen, Ersehnten und Verfehmten, Die Württemberger (sahen in ihm den Zerstörer ihrer alten, guten Freiheiten und Privilegien, ihrer Kirche und ihrer Wohlhabenheit, ihrer Sitte und ihrer Zucht, Die Juden haben diese Urteile kritiklos übernommen und versucht, sein Bild aus den Annalen ihrer Geschichte zu streichen. Die einen, weil sein Leben den Feinden der Juden zur Rechtfertigung diente, die anderen, weil er ihnen ein Abtrünniger schien, ein Verächter ihrer alten Religion und ihrer ewigen Gesetze, Der Historiker naht sich einer solchen Gestalt mit Zagen und mit Zweifel, Zu viele Kindheitserinnerungen und altererbte Vorstellungen sind in ihm wach, als daß seine Phantasie die Objektivität der Geschichte nicht bitter bestritte. Auch dünkt es ihn schmerzlich, einer zum Schatten des württembergischen Herzogs Carl Alexander gewordenen Gestalt durch die kalte Klarheit der Wissenschaft den Zauber der Legende zu nehmen. Und doch entspricht es dem Gesetz historischer und menschlicher Gerechtigkeit, zu untersuchen, warum gerade die Person des Jud Süß zum Träger und zum Symbol der Verneinung geworden ist. Ob sein gewaltsames Ende nichts anderes darstellt als die Selbsthilfe eines gequälten, das radikal Böse bekämpfenden Volkes? Oder ob dieser Tod mehr ist als das Ende einer irdischen Laufbahn, ob er nicht das dramatische Ringen zweier verschiedene» Weltanschauungen repräsentiert? Ein ungeheures, kaum zu übersehendes Aktenmaterial des Stuttgarter Staatsarchivs, eine Fülle von Flugschriften, Dichtungen und Karikaturen erleichtert diese Aufgabe. Erhalten bleibt freilich auch hier das Bild des verschwenderischen und flotten Kavaliers, des skrupellosen Verführers, des ironischen Skeptikers, des Spötters und Verächters menschlicher Einrichtung und Sitte, Es bleibt das Staunen über die Eleganz dieser weltmännisck sicheren Formen, der Beherrschimg der Sprache und des Geschmacks, der Kultivierung einer Erscheinung, die in nichts mehr die Ghettoerziehung und die Abstammung aus der kleinen Heidelberger Judengasse erkennen läßt. Aber hinter dieser Form, dem berühmten roten Seidenkleid, den prächtigen Karossen, den flimmernden Juwelen, hinter diesem graziösen und geist-