Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
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Zur Bibel-Wissenschaft Spinozas und seiner Vorläufer 21 sen Satz ein durch die These: Christi Höllenfahrt habe die (sich in eben diesen Stellen aussprechende) Verzweiflung unmöglich gemacht; durch Christus seien die Seelen unsterblich geworden1. Da Costa gelangt, indem er von dieser Einschränkung absieht, in Verfolgung seiner Absicht; zur Befreiung des Menschen von den schwersten Schrecken und Aengsten die Lehre von der ewigen Verdammnis und darum von der Unsterblichkeit der Seele zu entwurzeln, zu einer dieser Absicht sehr wenig gemäßen Auffassung des menschlichen Lebens. Ob und inwieweit ihn selbst die Stimmung, die in den von ihm angeführten Schriftstellen zum Ausdruck kommt, erfaßt hat, läßt sich freilich nicht sagen. In der Argumentation da Costas gegen die Unsterblichkeit wirken die Berufung auf die Vernunft und die Berufung auf die Schrift zusammen. In Wahrheit sind zunächst beide Instanzen identisch. Erst allmählich heben sie sich voneinander ab, um sich am Ende feindlich ge£enüberzutreten, In diesem Vorgang gibt sich, gleichsam als sein Gesetz, eine das Denken da Costas beherrschende, eben damals noch mächtige, wenig später absterbende Neigung zu erkennen, die sich mittels der Kategorie Renaissance historisch fixieren läßt. Dem Streben der Renaissance nach Wiedergeburt des Lebens aus seinen Ursprüngen ist die Ueberzeugung immanent, daß der ihr gegenwärtige Zustand als Verderbnis eines ursprünglichen, vollkommenen Zustandes anzusehen sei. Für sie gilt die Formel: die Wahrheit am Anfang. Dieser Glaube, den die Offenbarungsreligion durch ihre Vorstellung von einer in der Vorzeit geschehenen, das wahre Ziel und die wahre Norm des Lebens erstmalig, vollkommen und — zum mindesten für den gegenwärtigen Weltstand — endgültig erschließenden Offenbarung genährt hatte, gelangt innerhalb der Offenbarungsreligion und bezüglich ihrer zu radikalster Geltung in der Reformation: allem Späteren, als verfälschender Zutat, als Erdichtung, Lüge und Menschenwerk wird die ursprüngliche Offenbarung in ihrer Reinheit entgegengestellt; Herrschsucht und Habsucht der Priester haben die reine Lehre verderbt und besudelt. Daher ist eine der schwersten Verdächtigungen in der Polemik dieses Zeitalters der Vorwurf der Neuerung. Dieser dominierenden Neigung bemächtigt sich in da Costa das Epikureische Motiv. Hinwendung zum Wahren heißt für ihn also: Rückwendung zum Ursprünglichen. So geht er zuerst auf das Alte Testament gegenüber dem Servet 235 f.: Qui ante mortem Christi mortui sunt, ad infernum ducti sunt, quasi a Deo oblitioni traditi, exceptis paucis, quos futuri Christi fides fovebat. Hinc sepulcrum vulgo dicebatur terra perditionis et oblivionis, psal. 88. Idem sacris literaris erat sepulcri et inferni nomen, ut simul ad sepulcrum, et infernum iretur . .. Ut corpus peccato animam traxit, ditionique subiecit: ita cum corporis sepulcro sublicitur anima tenebris, morti et inferno. — Da Costa 68 f. zitiert Ps. 88, 11—13 und bemerkt: „Damit wird bestritten, daß die Toten Gott preisen und dazu auferstehen können, denn dort an ihrem Aufenthaltsort gibt esi kein Leben, noch gibt es Geist in der Gruft, dem Lande der Verderbnis, dem Lande der Finsternis und des Vergessens, und bloß die Lebenden 'können Gott preisen .. .